„Missglückter Flirt“ – Wie Sprache Gewalt an Frauen verharmlost

Wie wird über Gewalt an Frauen in den Medien berichtet und inwieweit beeinflussen diese Berichte unser Denken? Seit Jahren warnen Gewaltforscher vor dem Gebrauch von „Beziehungsdrama“, „Familientragödie“ und ähnlichen Begriffen. Mord ist Mord und keine „Beziehungstat“ und Vergewaltigung ist keine „Sexattacke“ – scheinbar synonyme Begriffe bedeuten einen großen Unterschied. In diesem Artikel erklären wir, wie Sprache unsere Wahrnehmung prägt und warum den Medien so eine große Verantwortung zukommt, wenn es um die Formulierung geht.

WIEDER EIN „BEZIEHUNGSDRAMA“

Bis September 2021 wurden laut AÖF mutmaßlich 20 Frauen von männlichen (Ex-)Partnern, Bekannten oder Familienmitgliedern ermordet. Nahezu ein Drittel aller Frauen in Österreich im Alter von 16 bis 60 Jahren wurden Opfer von sexueller Gewalt und drei Viertel von ihnen erlebten sexuelle Belästigung. Die Problematik der Verwendung von Begriffen wie „Beziehungsdrama“ in Zusammenhang mit Frauenmorden werden von Gewaltschutzexpertinnen und Gewaltschutzexperten seit Jahren kritisiert. Fakt ist: Sprache beeinflusst unser Denken – wie sehr, das wird immer wieder unterschätzt.

TYPISCHE EUPHEMISMEN IN DER BERICHTERSTATTUNG

Durch Begriffe wie „Ehetragödie“ oder „Beziehungsdrama“ wird zu der eigentlichen Gräueltag eine gewisse Distanz in unseren Köpfen kreiert. Ein Drama oder eine Tragödie sind Theaterstücke und nicht das echte Leben, doch der Mord ist wirklich passiert und die Frau ist tatsächlich gestorben. Ähnliches passiert, wenn wir den Begriff „Familienkonflikt“ oder „Racheakt“ lesen beziehungsweise hören. Beides suggeriert eine gewisse Mitschuld des Opfers.

MORD AUS LIEBESKUMMER?

Besonders problematisch findet es Kommunikationswissenschaftlerin Christine Meltzer, wenn auch noch ein Motiv für die Tat genannt wird, wie zum Beispiel „Liebeskummer“, „Frust“ oder „Zurückweisung“. Die Emotionen des Täters sollten in Berichten über Gewalttaten an Frauen keinen Platz finden. Wenn Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet wurden, heißt es dann oft, der Mord wurde aus Liebe, Eifersucht oder Verlustangst begangen, was sehr „tragisch“ sei. Eine „absolut falsche Darstellung der Tatsachen“, meint Meltzer in einem Interview, „weil niemand aus Liebe tötet, sondern aus einem falsch verstandenen Besitzverhältnis“. Diese Begriffe erwecken außerdem den Anschein, dass es sich um einen Einzelfall handle, ein Zwist innerhalb einer bestimmten Familie, eines bestimmten Paares. Frauenmorde sind jedoch keine Privatsache, sie sind ein strukturelles und gesellschaftliches Problem, somit gehen sie uns alle etwas an.

EROTISIERUNG DER GEWALTTAT DURCH WORTWAHL

Vor allem Boulevardzeitungen tendieren dazu, Abkürzungen zu verwenden, sowie Begriffe, die Emotionen in der Leserin und im Leser erwecken. Erst im August dieses Jahres druckte die Kronen Zeitung die Schlagzeile „Zwischen Beine gefasst – Sexattacke auf 22-Jährige“, anstatt klar und deutlich von sexueller Belästigung zu sprechen. Ein weiteres Beispiel liefert das Online-Nachrichtenportal News.de: Eine 17-Jährige aus Marokko wurde Opfer einer „Sex-Bande“, wurde hier am 23. September 2021 getitelt.

DER FEINE ABER DRASTISCHE UNTERSCHIED

Aus einem „Sexualdelikt“ wird in der Medienberichterstattung nicht selten „Sextat“, „Sexverbrechen“, „Sexattacke“ oder Ähnliches. Während „Sexualdelikt“ ein relativ neutrales Attribut ist, wird der Tat durch die Abkürzung eine erotische Konnotation verliehen. Bei dem Wort „Sex“ denken wir an eine einvernehmliche Verbindung, „Sexattacke“ klingt demnach längst nicht so schockierend wie etwa die Begriffe „Vergewaltigung“ oder „Nötigung“. Der Begriff „Sex-Bande“ ist ebenso unpassend, er deutet an sich nicht unbedingt auf eine Straftat hin. Bei dem Wort „Bande“ denken wir an Thomas Brezinas „Knickerbockerbande“ oder an die „Wilden Hühner“, und nicht an eine Gruppe von erwachsenen Männern, die eine junge Frau über zwei Monate vergewaltigt und gefoltert hat. Eine Vergewaltigung hat nichts mit Sex zu tun, sondern mit Macht und Gewalt. Genauso wenig darf sexuelle Belästigung als „Flirtversuch“ abgetan werden.

DIE ROLLE DER MEDIEN BEI DER PRÄVENTION

„Wieder wurde eine Frau ermordet“, Dieser Satz, den man oft in den Medien liest, ist passiv formuliert. Wer übt Gewalt an Frauen aus? Es gibt keinen Akteur in diesem Satz. Besser wäre eine Formulierung, die zwar den Täter anprangert und zugleich keinerlei Rechtfertigung der Tat zulässt. Das bedeutet nicht, dass man relevante Informationen auslässt. Ist zum Beispiel bekannt, dass der Täter alkoholisiert war, gilt es, diese Info zu transportieren, ohne dem Alkoholeinfluss für die Ausübung der Tat zu viel Gewicht zu geben. Journalistinnen und Journalisten haben also wahrlich keine leichte Aufgabe. Über Gewalt an Frauen zu berichten erfordert Feingefühl und Sensibilität.

Macht es denn wirklich so einen großen Unterschied, wie über Femizide, Belästigung und andere Arten von Gewalt gegen Frauen berichtet wird? Ja, meint die Linguistin Karin Wetschanow und erklärt: „Je öfter etwas gesagt wird, umso mehr wird es so und nicht anders gedacht“. Mord ist Mord, Vergewaltigung ist Vergewaltigung und sollte auch so benannt und nicht umschrieben oder verharmlost werden. Indem Medien ihre Wortwahl sorgfältig wählen, können sie auf lange Sicht zur Prävention von Gewalt beitragen. Was auch wichtig ist, ist das unter jedem Artikel oder nach jedem Fernseh- oder Radiobericht auf konkrete Hilfsangebote hingewiesen wird.

FRAUENNOTRUFNUMMERN

Österreichweit gibt es den Frauennotruf der Autonomen österreichischen Frauenhäuser (kurz: AÖF), die Nummer ist 0800 222555. Die Stadt Wien hat einen Frauennotruf, bei dem Beratung auf allen möglichen Fremdsprachen angeboten wird. Dieser ist unter der Nummer 01 71719 rund um die Uhr zu erreichen.

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