Menschenhandel: Über Opfer und Täter

Die ungarische Webseite NEHAGYD (Lass es nicht zu), die von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) finanziert wird, will die öffentliche Wahrnehmung für den Menschenhandel schärfen. Aus den Beiträgen der Webseite geht anschaulich hervor, welche Merkmale die Opfer von Menschenhandel aufweisen und welche Kennzeichen die Täter.

OPFER KOMMEN ZUMEIST AUS MISSLICHEN UMSTÄNDEN

Auf der Website #NEHAGYD gehen die Autoren zunächst eingehend darauf ein, anhand welcher Besonderheiten die Opfer von Menschenhandel zu erkennen sind. Die Opfer geraten häufig in der trügerischen Hoffnung auf eine einträgliche Arbeit, Stabilität, Bildung, ja Geborgenheit in die Fänge von Menschenhändlern. Alle Opfer, sei es junge Frauen oder Männer, haben gemeinsam, dass sie zutiefst verunsichert und verletzlich sind. Zielscheibe für Menschenhändler sind nicht selten Jugendliche, die von Zuhause ausgerissen und obdachlos geworden sind, Leidtragende von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch, Menschen, die unter den Schrecknissen des Krieges und bewaffneten Konflikten zu leiden hatten, oder solche, die zu geächteten und diskriminierten Randgruppen der Gesellschaft gehören.

MENSCHENHÄNDLER HALTEN IHRE OPFER IN SCHACH

Immer wieder gehen auch Personen ins Netz von Menschenhändlern, die den Großteil ihrer Ersparnisse für Arbeitsvermittler und Reisekosten ausgegeben haben. In Ermangelung von Geld liefern sie sich schließlich auf Gedeih und Verderb den Menschenhändlern aus. Diese halten ihre Opfer nicht nur unter strenger Kontrolle, sondern manipulieren sie auch. Oftmals nutzen sie eiskalt aus, dass ihre Opfer der Sprache ihrer Gastländer und des Englischen nicht mächtig sind und mithin keine Kenntnisse von den rechtlichen und kulturellen Gegebenheiten ihres Aufenthaltsortes haben. Die Opfer ihrerseits haben kaum Möglichkeiten, ihren Peinigern zu entkommen, knöpfen ihnen diese doch in der Regel ihre Ausweise, Dokumente und auch ihr Geld ab. In vielen Fällen wissen die Opfer nicht einmal, wo sie sich aufhalten, weil sie von den Menschenhändlern von einem Ort zum anderen verschleppt werden. Sie können weder Verwandte noch Freunde um Hilfe bitten, weil ihnen häufig auch die Mobiltelefone abgenommen werden.

DIE OPFER BEFINDEN SICH ZUMEIST IM KLAMMERGRIFF DER ANGST

Opfer von Menschenhandel sind Menschen, die zutiefst eingeschüchtert sind und schwere Traumata durchleben mussten. Gegenüber ihren Peinigern sind sie oft von tiefer Angst durchdrungen. Aus diesem Grund versuchen sie erst gar nicht zu fliehen, befürchten sie doch drastische Vergeltungsmaßnahmen. Gelingt es ihnen zu entkommen, zeigen sie die Menschenhändler in vielen Fällen zwar an, häufig ziehen sie ihre Anzeige aber dann auch wieder zurück, weil die Angst dermaßen tief sitzt. Angesichts der Traumata, die sie erleben mussten, haben die Opfer zu niemandem mehr Vertrauen. Es ist überdies kennzeichnend für sie, dass sie sich vor Veränderungen fürchten. Der Grund: Veränderungen schaffen Unsicherheit. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass ein Opfer selbst dann nicht die Flucht ergreift, wenn es die Möglichkeit dazu hat. Lieber verharrt es in seiner elendigen Situation, als den Weg in die Unsicherheit zu wagen. Hinzu kommt, dass viele Opfer große Scham darüber verspüren, dass sie in diese erniedrigende Lage geraten sind. Deshalb unterlassen sie es, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nicht selten ist ihnen nicht einmal bewusst, dass sie Opfer eines Rechtsverbrechens sind.

FLÜCHTLINGE SIND FÜR MENSCHENHÄNDLER EINE BESONDERS LEICHTE BEUTE

Die Menschenhändler suchen gezielt nach den verletzlichsten und labilsten Opfern in der Gesellschaft. In einer besonders prekären Situation befinden sich Flüchtlinge. Es kommt denn auch nicht von ungefähr, dass die Menschenhändler insbesondere in Flüchtlingslagern nach möglichen Opfern Ausschau halten. Unter den Flüchtlingen sind Frauen und Kinder in der Mehrheit. Da seit 2011 mehrere tausend Flüchtlinge spurlos verschwunden sind, ist nicht auszuschließen, dass die Verschollenen Opfer des Menschenhandels geworden sind. Menschenhändler schlagen einerseits aus der Überwachung, andererseits aus der sexuellen und physischen Ausbeutung ihrer Opfer Profit. Sie bieten ihren Kunden Dienstleistungen an und machen den Menschenhandel auf diese Weise zu einem profitablen Geschäft. Jeder, der sich am Handel eines Menschen beteiligt und ihn mittels Zwangsarbeit ausbeutet, ist ein Menschenhändler. Das trifft in erster Linie auf diejenigen zu, die die Opfer „rekrutieren“, sie transportieren und sie für sich arbeiten lassen, gleichermaßen aber auch auf all jene, die in den Behörden gegen Schmiergeld ein Auge zudrücken oder den Opfern gefälschte Reisedokumente und Arbeitspapiere ausstellen.

MENSCHENHÄNDLER STELLEN OPFERN EINE LICHTE ZUKUNFT IN AUSSICHT

Unter den Menschenhändlern sind Vertreter unterschiedlichster Berufszweige zu finden: unter anderem Anwälte, Ärzte, Polizisten, Politiker, Handwerker oder Köche. Es kommt leider immer wieder vor, dass Opfer von Menschenhandel später auch zu Tätern werden. Sie wählen diesen Weg, weil sie mangelnde Qualifikationen und Fähigkeiten haben. Andere wiederum werden von ihren Peinigern und Ausbeutern dazu gezwungen, neue Opfer zu „rekrutieren“. In solchen Fällen verschwimmt die Grenze zwischen Menschenhändlern und Opfern. Menschenhändler setzen gemeinhin raffinierte Mittel der Manipulation ein. Sie suchen vor allem nach Menschen, die sich nach einem besseren Leben sehnen, deren Chancen, eine Arbeit zu finden, denkbar gering sind, die einen zerrütteten familiären Hintergrund haben oder die sexuell und physisch bereits ausgebeutet wurden. Häufig stellen die Täter ihren Opfern gut bezahlte Jobs, liebevolle Paarbeziehungen oder neue, aufregende Möglichkeiten in Aussicht, um sie später unter Anwendung von physischer und psychologischer Gewalt zu überwachen.

DIE MENSCHENHÄNDLER SCHLAGEN EISKALT PROFIT AUS IHREN OPFERN

Menschenhändler gehen ihrem schmutzigen Geschäft in den unterschiedlichsten Konstellationen nach: allein, im Familienverbund, in Form kleiner Unternehmungen, in lockeren, dezentralisierten Verbrechensnetzwerken oder im Rahmen gut organisierter, internationaler Verbrechensorganisationen. Was sie allesamt antreibt: Menschen aus Profitgier auszubeuten. Nicht selten stammen Opfer und Täter aus einem Land oder Kulturkreis. In diesem Fall können Menschenhändler ihre Opfer noch besser instrumentalisieren. Die Methoden der Menschenhändler bei der Rekrutierung, beim Transport und bei der Ausbeutung ihrer Opfer reichen von der Anwendung von Gewalt über Drohungen bis hin zu Lüge und psychologischer Manipulation. Sie versprechen gut bezahlte Jobs, hingebungsvolle Paarbeziehungen und neue, spannende Lebensperspektiven.

MENSCHENHÄNDLER SCHAFFEN ABHÄNGIGKEITSVERHÄLTNISSE

Nicht selten werden die Opfer aber auch entführt, körperlich genötigt oder zum Konsum von Drogen gezwungen, um sie kontrollieren zu können. Die Menschenhändler haben viele Methoden, um ihre Opfer zu manipulieren, unter anderem wenden sie physische, psychologische und sexuelle Gewalt an, sie nehmen ihnen sämtliche Dokumente und alles Geld ab, sie isolieren sie von ihren Freunden und Familien und sie ändern häufig auch die Namen ihrer Opfer. Ziel der Menschenhändler ist es, die Schwächen und Verletzlichkeiten ihrer Opfer auszumachen und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. Wegen traumatischer Erfahrungen, tiefsitzender Scham und der Drohung ihrer Peiniger, ihnen selbst oder ihren Familien etwas anzutun, scheuen sich viele Opfer davor zu fliehen.

MENSCHENHÄNDLER SCHRECKEN VOR BRUTALER GEWALT NICHT ZURÜCK

Die Menschenhändler wenden raffinierte Methoden an, um ihre Opfer in ihr Netz zu locken. Sie bieten denjenigen, die arbeitslos sind oder für einen Hungerlohn arbeiten, Jobs an, die keine Qualifikationen erfordern und obendrein sehr gut bezahlt sind. Haben sie ihre Opfer einmal irregeführt, schaffen sie ein Abhängigkeitsverhältnis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Anfangs stehlen sie sich in ihr Vertrauen und machen ihnen große Versprechungen. Später treiben sie sie in Schulden, demütigen sie und nehmen ihnen Dokumente und Bankkarten ab. In der Regel dauert dieser Prozess einige Wochen, es gibt aber auch Opfer, die von ihren Peinigern binnen weniger Tage gebrochen werden. Neben der Anwendung von Gewalt werden die Opfer auch damit erpresst, dass ihren Familienangehörigen – insbesondere Kindern – Gewalt angetan wird. Bei organisierter Bettelei geht die Gewalt sogar soweit, dass den Opfern bleibende körperliche Schäden zugefügt werden, schließlich werden sie als Bettler dann noch mehr bemitleidet. Bei den Opfern führt dies häufig zu schier unerträglichen Schamgefühlen, weshalb sie sich auch davor scheuen, Hilfe zu suchen.

MIT HARTEN DROGEN ZUGEDRÖHNT WERDEN VIELE OPFER GEFÜGIG

Menschenhändler, die ihre Opfer sexuell ausbeuten, verabreichen ihnen häufig Drogen, die rasch zu einer Abhängigkeit führen. Dadurch können sie sie leichter an sich binden. Zu den „sanfteren“, aber nicht minder heimtückischen Methoden gehört die emotionale Bindung. Den jungen Frauen und Mädchen offenbaren darauf spezialisierte Menschenhändler, „Loverboys“ genannt, ihre Liebe, sie gaukeln ihnen eine gemeinsame Zukunft vor und verführen sie mit Geschenken. Sie schrecken selbst davor nicht zurück, minderjährige Mädchen, die in staatlicher Obhut sind, anzustacheln. Lassen sich die jungen Frauen von den falschen Versprechungen verleiten, droht ihnen zumeist der Entzug ihrer Freiheit. Dabei wird nicht nur ihre Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt, sondern es werden ihnen zu Disziplinierungszwecken auch Essen, Trinken, Zigaretten und Möglichkeiten der Hygiene vorenthalten.

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