Das „Ausschlachten“ ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter in Europas Fleischindustrie

Das nächste Mal, wenn ein Schnitzel auf dem Teller liegt, sollten wir uns nicht nur fragen, ob es dem Tier gut ging, sondern auch, ob der Mensch, der es verarbeitete, fair behandelt wurde. Die britische Zeitung „The Guardian“ fand nämlich bei Recherchen heraus, dass zahlreiche Arbeiterinnen und Arbeiter in der europäischen Fleischindustrie für sehr niedrige Löhne und unter prekärsten Umständen arbeiten. Der Großteil derer, die bei uns in der Fleischproduktion arbeiten, kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch Afrika oder Asien.  

NUR BILLIG IST RENTABEL

Im Zuge der Klimakrise wird der Aufruf zur fleischlosen Ernährung immer lauter. Zwar schafft die Fleischindustrie in Europa etwa eine Million Arbeitsplätze, doch unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen in den Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetrieben? Da der Verkauf von Fleisch nicht mehr so rentabel ist wie einst, holen sich die Firmen ihren Gewinn über die niedrigen Löhne ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch durch schlechten Umgang mit den Tieren wird selbstverständlich Geld und Zeit gespart. Dadurch kann man es sich leisten, das Fleisch billiger zu verkaufen. Die Konsumentinnen und Konsumenten sind zwar glücklich, wenn sie nicht viel für ihr Fleisch ausgeben müssen und die großen Fleischbetriebe verdienen sich eine goldene Nase – doch wie so oft beruht dies auf dem Unglück anderer.

AUSBEUTUNG VON ARBEITSKRÄFTEN AUS DEM AUSLAND

Das Schlachten und Zerlegen von Tieren, ist eine körperlich anstrengende und monotone Arbeit – nur wenige Westeuropäer wollen solche Jobs übernehmen. Daher kommen Arbeitswillige aus den umliegenden Schwellen- und Entwicklungsländern und unterzeichnen Verträge, die sie zum Teil gar nicht verstehen, da sie der Sprache nicht mächtig sind. Selbst in Ländern der EU arbeiten Menschen aus Ungarn, Polen, Rumänien, Lettland und Litauen für sehr geringe Löhne in der Industrie. In den Niederlanden zum Beispiel sind gar 90 Prozent der Arbeitskräfte in der Fleischindustrie Migrantinnen und Migranten.

Die wenigen Einheimischen verdienen in der Regel mehr, es besteht längst eine Zweiklassengesellschaft. Die Ausländerinnen und Ausländer werden über Leiharbeits- und Subfirmen angestellt und verdienen bis um die Hälfte weniger als die, die direkt mit dem Fleischproduzenten einen Vertrag haben. Laut einem aktuellen Bericht von Germanwatch bekam eine bulgarische Mitarbeiterin, die in Süd-Oldenburg in einer Fleischfabrik arbeitete, 1200 Euro für 225 geleistete Stunden. Sie erhielt für ihre Arbeit also 4,70 pro Stunde, das entspricht lediglich 53 Prozent des in Deutschland geltenden Mindestlohn. Diese Leiharbeitsverträge beinhalten meist weder geregelte Arbeitszeiten, noch Auszahlung von Überstunden oder Bezahlung im Falle von Krankheit. Ein weiteres Problem: Das Visum ist häufig an das Arbeitsverhältnis geknüpft, das heißt sobald die Einwanderinnen und Einwanderer den Job kündigen, verlieren sie ihr Bleiberecht. Die Arbeitskräfte aus dem Ausland können sich aufgrund von Sprachbarrieren nicht näher über ihre Rechte erkundigen, geschweige denn sie einfordern.

In den letzten Jahrzehnten hat sich innerhalb der Fleischindustrie eine „Hierarchie der Ausbeutung“ gebildet. Die Ärmsten stehen am Ende dieser Kette. So haben etwa rumänische Schlachtbetriebe Arbeiterinnen und Arbeiter aus Nepal importiert. In Europa arbeiten Menschen von überall in der Fleischindustrie, sie kommen aus der Ukraine, Georgien, Vietnam, den Philippinen, Indien, China und afrikanischen Ländern.

NIEMAND WILL EINGREIFEN

Die Behörden wissen von den Missständen, doch es fühlt sich niemand so recht zuständig. Der Branchenverband „Europäische Vieh- und Fleischhandelsunion“ (UEVBV) sagte, die Arbeitsbedingungen seien nicht ihr Aufgabenbereich, die Unternehmen seien selbst dafür zuständig. Allerdings müsse jeder Verdachtsfall von Ausbeutung sorgfältig überprüft werden, Missbrauch werde „nicht toleriert“, sagt Karten Maier, der Generalsekretär der UECBV. Der EU-Kommissar für soziale Rechte und Beschäftigung namens Nicolas Schmit verwies auf die geltenden EU-Rechte und sagte, dass die nationalen Behörden ihre Einhaltung sicherstellen müssten.

Die größten Fleischunternehmen in Europa sind unter anderem Tönnies und Westfleisch, beide aus Deutschland. Aufgrund eines Corona-Clusters war Tönnies zu Beginn der Pandemie in den Schlagzeilen. Im Zuge dessen kamen die allgemein schlechten Arbeitsbedingungen dieses Betriebes ans Tageslicht und die gesamte Fleischindustrie wurde mit Vorwürfen konfrontiert. Es wurden jedoch alle abgewiesen und nichts hat sich seither geändert.

WAS KÖNNEN WIR TUN?

Um diese schlimmen Zustände in der Fleischindustrie zu bekämpfen, müsste sich endlich eine Instanz dafür verantwortlich fühlen und für die Rechte dieser Arbeiterinnen und Arbeiter einstehen. Doch auch Konsumentinnen und Konsumenten können etwas zur Besserung beitragen. Es gilt, die Finger vom extrem billigen Schnitzel zu lassen und lieber zu Fleisch mit vertrauenswürdigen Gütesiegel greifen. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten. Viele Gütesiegel garantieren zwar, dass das Fleisch aus ökologischer Sicht, ohne schlechtem Gewissen gekauft werden kann, sie geben aber keine Auskunft über die Arbeitsbedingungen, unter welchen es produziert wurde. Auf konsum.greenpeace.at können sich Verbraucherinnen und Verbraucher informieren und im Supermarkt eine bewusste Auswahl treffen.

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