Billigfleisch hat seinen Preis: Ausbeutung in der Fleischindustrie

Wenn über die Fleischindustrie gesprochen wird, dann geht es meist um Massentierhaltung, enge Ställe und das Leiden der Tiere. Die Branche hat seit Jahren einen schlechten Ruf und das nicht ohne Grund. Doch über ein Thema wird im Zusammenhang mit Billigfleisch nur selten gesprochen: Über Menschen, die ihre Heimat verlassen, sich hoch verschulden und unter prekären Bedingungen arbeiten, um die Nachfrage nach billigem Fleisch zu befriedigen.

Die europäische Fleischindustrie beschäftigt rund eine Million Menschen und erwirtschaftet jährlich etwa 220 Milliarden Euro. Die Herkunft dieser Arbeitskräfte hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Während früher vor allem Menschen aus Polen, Rumänien oder Ungarn in der Branche tätig waren, stammen viele Beschäftigte heute aus der Ukraine, Georgien, Belarus, Kasachstan, Armenien, Vietnam, den Philippinen, afrikanischen Ländern sowie aus Indien, Nepal, Sri Lanka und China.

Die Aussicht auf ein Vielfaches des heimischen Einkommens und die Chance, die eigene Familie finanziell zu unterstützen, lassen viele den Schritt nach Europa wagen.

Doch bevor sie überhaupt einen Fuß auf deutschen Boden setzen, beginnt für viele bereits die Verschuldung. Vermittlungsagenturen verlangen für die Organisation von Visa, Arbeitsverträgen und der Einreise teilweise vier- bis fünfstellige Summen. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Monitor belaufen sich diese Gebühren häufig auf rund 10.000 Euro, in einigen Fällen sogar auf bis zu 15.000 Euro.

Ein betroffener Arbeiter schildert seine Situation so: „Es war mein Traum, nach Europa zu kommen. Meine Familie hat ihr ganzes Gold verkauft.“

Andere berichten davon, Geld von Verwandten, Nachbarn oder Freunden geliehen zu haben. Die Hoffnung auf ein besseres Leben wird damit zu einem enormen finanziellen Risiko.

Viele dieser Arbeitskräfte reisen mit einem Fachkräfte-Visum nach Deutschland ein. In ihren Reisepässen wird als Tätigkeit „Fleischer“ eingetragen. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus.

Zahlreiche Beschäftigte werden nach ihrer Ankunft lediglich als Produktionshelfer angestellt und entsprechend bezahlt. Laut The Guardian verdienen ausländische Beschäftigte, die über Sub- und Leiharbeitsfirmen angeworben wurden, in manchen Fällen 40 bis 50 Prozent weniger als direkt angestellte Beschäftigte in denselben Betrieben. Gewerkschaften sprechen deshalb sogar von einer „Zweiklassengesellschaft“ in der Fleischindustrie.

Bei einem Stundenlohn von rund 14,50 Euro bleiben nach Abzug von Steuern, Unterkunft und Transportkosten oft nur etwa 1.300 Euro netto zum Leben übrig.

Von diesem Geld müssen die Beschäftigten nicht nur ihren Lebensunterhalt finanzieren, sondern häufig auch ihre Familien in der Heimat unterstützen und gleichzeitig ihre hohen Schulden abbezahlen. Für viele dauert es Jahre, bis sie die Vermittlungsgebühren zurückgezahlt haben.

Pfarrer und Arbeitsrechtsaktivist Peter Kossen setzt sich seit Jahren für die Beschäftigten in der Fleischindustrie ein und beschreibt die Situation treffend:

„Da haben Familien Kredite aufgenommen und ihre jungen Menschen losgeschickt. Man kann das Projekt nicht einfach abbrechen. Sonst geht man zurück und hat gar nichts gewonnen – nur Schulden angehäuft.“

Besonders dramatisch wird die Situation, wenn Beschäftigte krank werden.

Ein junger Mann aus Indien entwickelte kurz nach seiner Ankunft in Deutschland einen schweren Hautausschlag und musste sogar im Krankenhaus behandelt werden. Dennoch wurde von ihm erwartet, dass er am nächsten Tag wieder zur Arbeit erscheint.

Gegenüber Monitor berichtete er:

„Ich habe meinem Vorgesetzten von meinem Ausschlag erzählt, aber er hat gesagt, dass ich am nächsten Tag unbedingt zur Arbeit kommen solle.“

Als sich sein Zustand nicht besserte und er der Arbeit fernblieb, wurde er noch während der Probezeit gekündigt. Das ist kein Einzelfall.

Das Problem ist, dass der Arbeitgeber in vielen Fällen gleichzeitig die Unterkunft zur Verfügung stellt. Mit dem Arbeitsplatz verlieren die Betroffenen daher oft auch ihr Zuhause. Einige landen innerhalb weniger Tage auf der Straße.

Ein anderer Arbeiter beschreibt die Situation so:

„Wir haben zwei Wochen bekommen, um die Wohnung zu verlassen. Man muss dann mit Fremden draußen auf der Straße schlafen. Man hat keine andere Wahl.“

Gewerkschaften und Experten berichten zudem von ungeregelten Arbeitszeiten, unbezahlten Überstunden, Scheinselbstständigkeit und fehlendem Krankengeld, die in Teilen der europäischen Fleischindustrie immer noch vorkommen. Viele Betroffene sprechen zudem die Landessprache entweder kaum oder gar nicht und kennen ihre Rechte nicht. Arbeitsverträge und rechtliche Regelungen bleiben für sie daher oft schwer verständlich.

Die Recherchen von Monitor zeigen zudem, dass hinter der Anwerbung internationaler Arbeitskräfte ein lukratives Geschäft für die Vermittlungsagenturen steckt.

Diese werben in Asien gezielt um Arbeitskräfte für die deutsche Fleischindustrie. Gegenüber verdeckten Reportern erklärte eine Vermittlerin sogar:

„Also Westfleisch ist einer unserer großen Kunden. Sie bestellen immer so 20, 30, 40 … Das heißt, Sie haben überhaupt kein Risiko.“

Auf die Frage, was passiert, wenn die Beschäftigten wieder entlassen werden, antwortete sie:

„Sie können während der Probezeit oder nach der Probezeit kündigen, das ist kein Problem. Sie als Arbeitgeber haben damit nichts zu tun. Und genau, das ist dann fertig. Gekündigt ist gekündigt.“

Diese Aussagen veranschaulichen ein System, in dem Menschen teilweise wie austauschbare Waren behandelt werden, die man jederzeit „wegwerfen“ kann. 

Die europäische Fleischindustrie stand bereits in der Vergangenheit massiv in der Kritik. Werkverträge und Subunternehmerstrukturen führten dazu, dass Verantwortungsbereiche ausgelagert und Beschäftigte systematisch benachteiligt wurden.

Als Reaktion darauf wurden die Gesetze verschärft und bestimmte Beschäftigungsmodelle verboten. Doch die aktuellen Recherchen zeigen, dass die Branche neue Wege gefunden hat, weiterhin günstige Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Die Ausbeutung hat sich verändert. Verschwunden ist sie jedoch nicht.

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