Als Julia ihrer Mutter beim Sortieren der Post half, fiel ihr erstmals ein ungewöhnlicher Kontoauszug auf. „Bestimmt nur ein Versehen“, sagte ihre Mutter leise, fast entschuldigend. Doch wenige Wochen später häuften sich die merkwürdigen Abbuchungen. Was zunächst ein kleiner Zweifel war, entwickelte sich zu einer erschütternden Erkenntnis: Etwas stimmte nicht. Eine einzige Unterschrift, eine hastig erteilte Vollmacht und das ganze Geld war verschwunden.
Solche Geschichten sind leider keine Einzelfälle. Finanzielle Ausbeutung zählt zu den häufigsten Formen von Gewalt gegen ältere Menschen. Besonders pflegebedürftige Personen sind gefährdet. Die Folgen sind gravierend: Neben erheblichen finanziellen Verlusten leiden oft auch Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität der Betroffenen.

Aber was versteht man eigentlich unter „finanzieller Ausbeutung“?
Gewalt kann viele Formen annehmen. Finanzielle Ausbeutung ist eine davon und betrifft besonders ältere, pflegebedürftige Menschen. Man unterscheidet dabei meist zwei Hauptformen:
- finanzieller Missbrauch (engl. financial elder abuse)
- Betrug und Online-Betrug (engl. fraud/scam)
In beiden Fällen nutzen Täterinnen und Täter gezielt die gesundheitliche und soziale Verletzlichkeit älterer Menschen aus.
Finanzieller Missbrauch zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass eine bestehende persönliche Beziehung oder ein Vertrauensverhältnis ausgenutzt wird. Typische Beispiele sind: Diebstahl oder Unterschlagung von Geld oder Wertgegenständen, Druck oder Zwang zu Schenkungen oder Änderungen im Testament, der Missbrauch von Vollmachten oder finanzielle Bevormundung, etwa um ein mögliches Erbe zu sichern. Solche Fälle passieren häufig im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Wichtig: Finanzieller Missbrauch ist nicht immer vorsätzlich, sondern auch gut gemeinte Handlungen, die der älteren Person schaden, fallen darunter.
Betrug und Trickdiebstahl werden hingegen oft von kriminellen, teilweise international vernetzten Gruppen verübt. Hierbei werden falsche Tatsachen vorgetäuscht – etwa eine Notlage, eine angebliche Freundschaft, eine romantische Beziehung , ein Geldgewinn oder eine lukrative Kapitalanlage –, um an Geld, persönliche Daten oder Zugang zu Wohnungen zu gelangen. Typische Beispiele sind der klassische „Enkeltrick“, falsche Polizeianrufe, Schockanrufe oder betrügerische E-Mails (Phishing). Meist besteht keine persönliche Beziehung zwischen Täterinnen oder Tätern und den Betroffenen. Meist erfolgt der einzige Kontakt über das Telefon oder das Internet.
Die Trennung der beiden Formen ist rechtlich nicht festgelegt: Auch Angehörige können betrügerisch handeln. Zudem gibt es einen grauen Bereich unvorteilhafter Verträge oder aggressiver Verkaufspraktiken, die zwar selten strafbar sind, aber älteren Menschen dennoch erheblichen Schaden zufügen können.
Welche Risikofaktoren gibt es?
Obwohl grundsätzlich jede Person Opfer finanzieller Ausbeutung werden kann, sind Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf, etwa Personen mit einer chronischen Erkrankung, Behinderung oder Beeinträchtigung, wie bereits erwähnt, besonders gefährdet. Die MSD Manuals nennen in diesem Zusammenhang gleich mehrere Risikofaktoren.
Risikofaktoren bei älteren Menschen:
Misshandlung ist demnach wahrscheinlicher, wenn ältere Menschen bestimmte Belastungen oder Einschränkungen haben, zum Beispiel:
- Körperliche Gebrechlichkeit, häufig bedingt durch chronische Erkrankungen
- Schwierigkeiten, alltägliche Aufgaben selbstständig zu bewältigen
- Probleme bei der Kommunikation
- Soziale Isolation
- Kognitive Beeinträchtigungen, wie Demenz, Verwirrtheit oder andere geistige Einschränkungen
Risikofaktoren bei Täterinnen und Tätern:
Misshandlung tritt auch häufiger auf, wenn die Täterinnen und Täter bestimmte Merkmale oder Belastungen aufweisen, wie zum Beispiel:
- Finanzielle Abhängigkeit von oder Zusammenleben mit der älteren Person
- Alkohol- oder Drogenmissbrauch
- Psychische Erkrankungen, etwa Schizophrenie
- Bekannte Neigung zu Gewalt
- Vorgeschichte von Konflikten oder Gewalt, zum Beispiel frühere familiäre Gewalterfahrungen
- Hoher Stress, etwa durch finanzielle Probleme oder familiäre Verluste
- Mangelnde Fähigkeiten oder Ressourcen, die Pflege und Betreuung erschweren und frustrierend machen
- Eigene gesundheitliche oder kognitive Störungen, wie Demenz, die zu aggressivem oder unruhigem Verhalten führen können, selbst wenn die Person zuvor ruhig war
Wie schützt man sich und seine Angehörigen?

Finanzielle Ausbeutung lässt sich nicht immer vollständig verhindern, aber es gibt Maßnahmen, die das Risiko deutlich verringern:
#1 Aufklärung & Frühzeitige Erkennung
Sensibilisierung ist der wichtigste Präventionsschritt. Ältere Menschen, pflegende Angehörige sowie Fachkräfte in Pflegeeinrichtungen und Beratungsstellen sollten über Formen, Warnsignale und Folgen finanzieller Ausbeutung informiert sein und wissen, wie sie in Risikosituationen angemessen reagieren können. Dazu gehört auch Wissen über Vorsorge- und Bankvollmachten und Möglichkeiten, deren Missbrauch vorzubeugen. Digitale Kompetenzen helfen zudem, Onlinebetrug frühzeitig zu erkennen.
#2 Empathie & Soziale Unterstützung
Ein empathisches Umfeld schafft Sicherheit und stärkt das Vertrauen der Betroffenen. Empathie reduziert Isolation und schützt dadurch indirekt vor finanzieller Ausbeutung. Geduld, Verständnis und respektvolle Kommunikation fördern die Selbstbestimmung und helfen, die Anfälligkeit für Missbrauch zu verringern.
#3 Konkrete Anlaufstellen
Es gibt spezialisierte Stellen, die älteren Menschen, pflegenden Angehörigen und Betroffenen bei Verdacht auf finanzielle Ausbeutung oder andere Formen von Gewalt zur Seite stehen:
Beratungstelefon Pro Senectute: +43 699 11 20 00 99
Kostenlos & vertraulich. Spezialisiert auf verschiedene Formen der Gewalt im Alter. Ob eigene Gewalterfahrungen, Unsicherheiten bei der Einschätzung einer Situation oder der Wunsch, Beobachtungen einzuordnen: Hier erhält man Beratung und wird bei Bedarf weitervermittelt.
Die Frauenhelpline: 0800 222 555
Rund um die Uhr kostenfrei, mehrsprachig und unbürokratisch erreichbar. Informiert über Gewaltformen und kann bei Bedarf polizeiliche Schutzmaßnahmen einleiten.
Der Männernotruf: 0800 246 247 & Männerinfo: 0800 400 777
Bieten Männern kostenlos vertrauliche Telefon-, Chat- und E-Mail-Beratung und vermitteln an weiterführende Einrichtungen.
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