Tourismus am Mount Everest – Zwischen Identitätsraub und Wahnsinn

Früher ein heiliges, unberührtes Gebirge, heute Massentourismusziel. Der Mount Everest ist schon lange kein Geheimtipp für Extrembergsteiger mehr. Vielmehr hat er sich in den letzten Jahrzehnten schnellen Schrittes zu einer Abfertigungsmaschinerie entwickelt, die Menschen im Tagestakt bis an den Gipfel bringt. Sehr zum Leidwesen der Sherpa und angrenzenden Frauen und Kinder, die durch die gefährlichen Touren in 8.000 Metern Höhe immer öfter Ihre Männer verlieren. Wie konnte es so weit kommen?

SZENERIE DES WAHNSINNS AM MOUNT EVEREST

Mehrere Hundert Menschen warten am Fuß des Mount Everest. Die Tourenführer vom Bergvolk, auch Sherpa genannt, streifen umher, begutachten den Berg und die Touristen um sich herum. Sie checken ein letztes Mal das Equipment. In der Station 4, der letzten Station am Weg zum Gipfel, ist der Wahnsinn greifbar. Wohlhabende Menschen mit Top-Ausrüstung stärken sich, bevor es losgeht und sind in freudiger Erwartung auf das Abenteuer. Dann beginnt der steinige Weg zum Gipfel. Im Gänsemarsch und langsamen Aufstiegs begleiten die gebuchten Sherpas ihre Touristen an die Spitze. Der Weg ist beschwerlicher, als sich so mancher vorgestellt hat. Immer wieder brechen Menschen zusammen und müssen von den Sherpas abtransportiert oder mit Sauerstoffflaschen versorgt werden. Diejenigen, die es schaffen, erleben einige Sekunden wunderschönen Ausblicks, gefolgt von einem beschwerlichen Abstieg mit Stolpersteinen und einem Marsch, der im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Dann ist das Abenteuer für die Touristen vorbei. Es geht zur Akklimatisation in die unteren Stationen 3, 2 und 1 und dann auf den Weg nach Hause. Was für die Touristen ein einmaliges, gefährliches Abenteuer ist, ist für die Sherpas blutiger Alltag. Ein grausamer Alltag für das kurzweilige sportliche Amüsement von Menschen aus der ganzen Welt. Die Sherpas haben einen guten Ruf, verdienen gut. Doch der Job und der vermeintliche Ruhm hat einen faden, gefährlichen Beigeschmack.

DA WO ANDERE WEGE FINDEN, MÜSSEN MÜHSAM WELCHE ERRICHTET WERDEN

Was vor allem Touristen nicht sehen: Sherpas sind es, welche die beschwerlichen Wege in mühsamer Arbeit errichten. Sie spannen Orientierungsschnüre, ebnen Wege. Sie rammen Stangen in den harten, gefrorenen Boden. Je nach Zeitpunkt, ist der Berg unerbittlich. Unter Minusgraden, mit wenig Sauerstoff und ungeschützt leisten sie die Vorarbeiten, für das kein Dank ausgesprochen wird. Sie setzen ihr Leben für anderer Sicherheit aufs Spiel. Immer wieder kommt es vor, dass Sherpas abstürzen, von einer Lawine oder Eistürmen erschlagen werden und tödlich verunglücken. Bei einem Absturz sind die Menschen nahezu sofort tot. Doch das schlimmste daran ist, dass sie noch nicht einmal geborgen werden können. In diesen Höhen ist es für Flugzeuge jeglicher Art mit einem unermesslichen Hohem Aufwand verbunden, die Menschen aus den eisigen Tiefen zu ziehen. So passiert es jährlich, dass die verunglückten Sherpas für ihre Arbeit kein Begräbnis erhalten, sondern in den Eismassen gefangen bleiben. Man lässt sie liegen, weil es keine andere Option gibt, ihnen zu helfen. Zurück bleiben Familien und Kinder, die ihre Väter verloren haben. Die Frauen erhalten von den Reiseagenturen, die diese Touren veranstalten oft eine Abfindung. Doch diese reicht nicht für ein Leben, sondern ist ein kleiner Tropfen auf dem heißen, verbitterten Stein. 

DER AUFSTIEG SELBST: EINE TRAUMATISIERENDE TORTOUR

Wer denkt: Mit den Vorbereitungen ist es getan, der irrt. Die Sherpas, die zuvor bereits die Wege geebnet haben, Stützen geschlagen und Seile gespannt, müssen nun erneut auf den Berg. Um die Touristen sicher an den Gipfel und wieder zurückzubringen. Um bis dorthin zu gelangen, ist es ein schwerer Weg. Da die Touristen meist ungeübte Bergsteiger sind, müssen die Sherpas die Ausrüstung am Rücken tragen. Auf über 8.400 Metern Höhe und mit eisigem Wind im Gesicht, der sich durch Mark und Bein bohrt. Am Weg zum Ziel rutschen immer wieder Menschen ab, müssen aufgefangen und gehalten werden. Es müssen Pausen eingehalten werden, die bei Überschreitung jedoch zur Lebensgefahr ausufern können.

Auf 8.000 Metern Höhe zählt jede Sekunde an Sauerstoff. Sie kann entscheidend sein, ob man es schafft, oder nicht. Oder ob man zu halluzinieren beginnt. Sehr häufig kommt es vor, dass die Touristen dermaßen an Sauerstoffmangel leiden, dass sie die Realität nicht mehr von Fiktion unterscheiden können oder von Sinnen sind. Sherpas erzählen von teils traumatischen Geschichten. Touristen haben schon mehrfach versucht, Sherpas am Gipfel mit dem Pickel umzubringen, weil sie nicht wollten, dass die Bergführer vor ihnen am Berg sind. Dabei ist der Sherpa für die Sicherheit des Touristen zuständig. Ohne Zutun des Sherpas und vorherigen Aufstieg, ist der Tourist gar nicht erst in der Lage, auf den Berg aufzusteigen. Andere erzählen davon, dass sie dazu gezwungen werden, waghalsige Kunststücke zu vollziehen, damit die Touristen etwas zu berichten oder zu fotografieren haben. Dabei brechen immer wieder Eisbrocken ab. Auch Lawinen werden nicht nur durch die Sherpas, sondern durch die Massen an Touristen losgetreten und nichts als der Kampf ums nackte Überleben beginnt für alle Beteiligten.

KEIN DANK UND KEINE HILFE

Nach dem Abstieg wartet meist kein Dank auf die Sherpas. Sie kommen entkräftet von den Touren in der Station 4 an. Oft sind sie verletzt, weil sie schlimmere Unfälle verhindern mussten, Ihre Touristen auf halben Weg fast tragen mussten oder bedroht wurden. Rippen sind durch das Auffangen oder Menschen geprellt, Beine beschädigt oder sie haben durch die mentale Misshandlung des Sauerstoffmangels der Touristen ein Erlebnis, das sie nicht so schnell vergessen. Doch anstelle einer Hilfeleistung sind sie oft auf sich allein gestellt. Zu Hause versorgen sie ihre Wunden und stürzen sich darauf wieder erneut in den kommenden Tagen ins Unglück. Der Lohn scheint verhältnismäßig gut zu sein, für einheimische Verhältnisse. Dennoch besteht zu jeder Sekunde die Möglichkeit, an einer Tour zu sterben und zu verenden, weil es keine Hilfe gibt. Es scheint fast so, als würde sich der Berg wehren. Man kann es ihm kaum verübeln, sind diese überteuerten Touren an ökologischer und menschlicher Rücksichtslosigkeit kaum zu überbieten. Doch die Sichtung der Erdkrümmung auf 8.000 Metern Höhe scheint eine Art neues Statussymbol am tibetischen Plateau geworden zu sein. 

SHERPAS MIT WESTLICHER IDENTITÄT – ÜBERMALUNG VON KULTUR

Ursprünglich waren die Sherpas gar nicht am Bergsteigen interessiert, bis dieser riesige Tourismusmarkt entstanden ist. Sie werden also durch (schlechte) wirtschaftliche Situation dazu gezwungen, eine Arbeit zu verrichten, die bereits viele Leben gekostet hat. Und vielleicht auch ihr eigenes. Hinzu kommt, dass der Mount Everest für die Sherpas als heiliger Boden gilt, der von Göttern bewacht wird. Die Touristenmassen berücksichtigen dies jedoch nicht. Sie trampeln, zerstören und machen sich nichts aus den Traditionen der Bergvölker. Es scheint so, als würde die eigene, ursprüngliche Identität der „Träger“ durch die westliche Kultur übermalt werden. Viele Westliche haben ein idealisiertes Bild der Sherpas. Sie sollen ein starkes Gemüt haben, ausdauernd sein und mutige, loyale Buddhisten. Die Arbeiter selbst wurden jahrzehntelang darauf trainiert und streben selbst an, dieses Ideal zu erreichen, dass der Westen auf sie projiziert. Die eigene Persönlichkeit und auch die eigene Kultur mit den Brauchtümern und Glaubenssätzen rückt in den Hintergrund. Sie werden zu dem, was sich die Welt vorstellt. Zurückhaltend und im Wohle des Westens orientiert. Sie sollen unterwürfig sein, nichts sagen, ihre Arbeit machen. Fast so, als wären Sie Arbeitsgefangene im eigenen Land. Herzzerreißend wenn man bedenkt, dass einem die eigene Identität zum Wohle anderer genommen wird. 

MOUNT EVEREST MIT ETHIKGEDANKEN

Schon lange wehren sich die Sherpas und kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen, kommt gerade einmal ein Bruchteil pro Saison bei den Sherpas an, von insgesamt 100.000 Euro, die bei den Reiseveranstaltern bleiben. Der Tourismus am Mount Everest muss eindeutig ethischer und fairer werden. Sowohl für die Sherpas müssen bessere Bedingungen, Krankenversicherungen und Entschädigungen bezahlt werden. Und das Wichtigste: Sie wollen wertgeschätzt werden, für das, was sie leisten. Ein Aufstieg ist Schwerstarbeit. Hinzu kommt, dass sich Einheimische wieder wünschen, dass ausschließlich erfahrene Bergsteiger künftig den Berg besteigen können sollten. Denn unerfahrene Personen bringen nicht nur sich selbst, sondern auch diejenigen, die ihnen helfen, in Gefahr. Ein erfahrener Bergsteiger setzt sich gewissen Gefahren gar nicht erst aus, weil er genau einschätzen kann, wie er die Situation meistert. Das schützt auch die Sherpas und erleichtert ihre Arbeit. 

Einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen der Sherpas kann sicher auch die Aufklärungsarbeit leisten. Sherpas sterben in einer solchen Regelmäßigkeit, dass es Routine geworden ist. Die Tode der Sherpas werden im Zuge der Hochglanz-Abenteuer immer unter den Tisch gekehrt. So, als sei ihr Leben weniger wert als das der Touristen. Doch das ist es nicht. Jedes Leben ist wertvoll. Und nicht darüber zu sprechen, nur, weil es der Geldmaschinerie schaden könnte, wird den Arbeitern nicht gerecht. Aufklärung, darüber zu sprechen hilft nicht nur den Familien, sondern auch der Verbesserung der Arbeitsbedingungen. 

BEGRIFFSERKLÄRUNG SHERPAS:

Sherpas wurden die Bewohner der Regionen im Osten Nepals genannt. Heute werden so allerdings alle genannt, die als Träger arbeiten, auch wenn Sie aus einer anderen Gegend stammen. Die Sherpa (Scherpa; deutsch etwa „Ostvolk“, tibetisch ཤར་པ Wylie shar pa) sind ein Volk, das vor 300 bis 400 in den Zentral- und Süd-Himalaya eingewandert ist. 

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Quellenangaben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sherpa
https://sz-magazin.sueddeutsche.de/neue-fotografie/mount-everest-sherpas-ausbeutung-87171https://sz-magazin.sueddeutsche.de/neue-fotografie/mount-everest-sherpas-ausbeutung-87171 https://www.nationalgeographic.de/reise-und-abenteuer/2017/06/sherpas-die-unsichtbaren-des-everest https://www.fluter.de/ein-berg-voller-probleme