Moderne Sklaverei: Diese Alltagsprodukte entstehen durch Zwangsarbeit

Als die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert von Großbritannien aus ihren Siegeszug begann, war wohl kaum vorstellbar, welche tiefgreifenden Veränderungen der Menschheit bevorstanden. Technologische Fortschritte – beispielsweise der Kühltransport – und eine gesteigerte Produktivität würden über den sich ausdehnenden Handel zur Verbindung aller Kontinente führen. Dieses Phänomen, Globalisierung genannt, führte in der westlichen Welt unter anderem zu einem regen Austausch an Ressourcen.

DIE SCHATTENSEITEN DER GLOBALISIERUNG

Unser heutiger Lebensstandard wäre ohne die Vernetzung der Welt gar nicht vorstellbar. Der globale Handel ermöglicht uns den Luxus, unsere Konsumgewohnheiten das ganze Jahr über aufrechtzuerhalten. Europa bezieht dafür viele Ressourcen und Rohstoffe aus Entwicklungsländern. Dort wird unter menschenunwürdigen und umweltschädlichen Umständen produziert, inklusive Zwangs- und Kinderarbeit. Sklaverei ist kein Kapitel der Vergangenheit, sondern besteht weiterhin fort. Dem Global Slavery Index aus dem Jahr 2016 zufolge sind mehr als 40 Millionen Menschen von moderner Sklaverei betroffen.

60 SKLAVEN ARBEITEN IM DURCHSCHNITT FÜR EINEN KONSUMENTEN

Unsere Konsumgewohnheiten und unser Lebensstil haben für Menschen aus ärmeren Regionen mitunter fatale Konsequenzen, denn sie fußen auf Lohndumping und Zwangsarbeit. Unverschämt billige Preise sind in vielen Fällen ein verlässlicher Indikator dafür.

Vielen Konsumenten sind diese Tatsachen gar nicht bewusst. Manche verschwenden bewusst keinen Gedanken an die Herkunft der Lebensmittel und Produkte, die sie kaufen. Gleichzeitig wird es aber auch immer schwieriger Produkte zu finden, die nicht durch Ausbeutung von Arbeitskräften entstanden sind. Ein durchschnittlicher Konsument „beschäftigt“ im Schnitt 60 Sklaven. Wie viele für deinen Lebensstil notwendig sind, kannst du über slaveryfootprint.org schätzen lassen.

VIELE LEBENSMITTEL WERDEN IMPORTIERT

Da wir es gewohnt sind, Früchte wie Bananen und Orangen ganzjährig zu beziehen, vergessen wir gern, dass diese nur in tropischen und subtropischen Regionen wachsen können. Während Äpfel, Birnen, Kirschen und Zwetschken in Österreich geerntet werden, kommen die meisten anderen Obstsorten aus dem Ausland.

Frankreich, Spanien, die Niederlande und Italien sind Länder, die das ganze Jahr über Obst und Gemüse exportieren. In den Produktionsprozess sind häufig Flüchtlinge aus Afrika, Asien und Osteuropa involviert. Hungerlöhne und desolate Unterkünfte ohne fließendes Wasser und Strom sind fester Bestandteil ihrer Lebensrealitäten. Durch die katastrophalen Hygienebedingungen laufen sie Gefahr, krank zu werden. Sie bekommen keine Schutzkleidung, müssen mit Pestiziden arbeiten und sind Gewalt und Vergewaltigungen ausgesetzt. Eine sehenswerte Dokumentation des Bayerischen Rundfunks beschäftigt sich detaillierter mit diesem Thema.

Dass man für die Ausbeutung von Menschen nicht zwingend den Blick auf Entwicklungsländer richten muss, beweisen die miserablen Umstände, unter denen ausländische Hilfskräfte auf österreichischem Boden Spargel stechen müssen. In den Medien war nicht nur von unzumutbaren Unterbringungen zu lesen, sondern auch von horrenden Arbeitszeiten und schlechter Entlohnung.

Folgende Lebensmittel werden ebenfalls aus dem Ausland importiert und entstehen meistens unter ausbeuterischen Umständen:

  • Obst aus Südeuropa oder Südamerika
  • Blumen aus Kenia
  • Kaffee aus Brasilien
  • Kakao von der Elfenbeinküste
  • Haselnüsse aus der Türkei
  • Fleisch aus Ungarn

EDELMETALLE SIND HOCHPROBLEMATISCH

Die Nutzung von Handys, Laptops und Tablets nimmt auf der ganzen Welt zu. Wie diese entstehen, damit beschäftigen sich Konsumenten kaum. In der Demokratischen Republik Kongo wird Kobalt gefördert – ein Material, das für die Herstellung von Batterien und Akkus notwendig ist. Oft sind es Kinder, die das Material abbauen. Große Unternehmen, wie zum Beispiel Daimler,  beteuern, dass Lieferketten zu komplex seien, um nachvollziehen zu können, ob Kinderarbeit in ihre Autos geflossen sei.

Coltan ist ein weiteres problematisches Mineral, das für unsere Elektrogeräte unverzichtbar ist. Das daraus gewonnene Tantal wird für Kondensatoren verwendet, ohne die Kameras, Flachbildschirme, Laptops und Smartphones nicht funktionieren würden. Coltan ist umstritten, weil die kongolesischen Minen, aus denen es gefördert wird, sich häufig in der Hand von bewaffneten Rebellengruppen befinden. Diese beschäftigen Tagelöhner, häufig Kinder, um das Material billig abzubauen.

Die Schmuckproduktion beansprucht weltweit die Hälfte des geförderten Goldes und mehr als die Hälfte der gewonnen Diamanten. Edelmetalle und Edelsteine werden immer wieder mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht. Erwachsene und Kinder verunglücken regelmäßig in den Minen, wo sie tagtäglich Schwerstarbeit leisten. Sie besitzen keine Rechte, bekommen Hungerlöhne bezahlt und können sich auf kein soziales Auffangnetz stützen. Da für den Abbau dieser Materialien giftige Chemikalien notwendig sind, werden Wasserläufe verseucht. Menschen, die in der Umgebung dieser industriellen Minen wohnen, verlieren dadurch ihr Trinkwasser.

WOHER KOMMT EIGENTLICH UNSERE KLEIDUNG?

Die Produktion von Textilprodukten ist ebenfalls ein brisantes Thema. Das mediale Interesse daran stieg beachtlich, als am 24. April 2013 in einem Vorort von Dhaka, Bangladesch, der achtstöckige Fabrikkomplex Rana Plaza einstürzte und dabei tausende Menschen unter sich begrub. 1.136 starben bei diesem Unglück, 2.000 weitere wurden verletzt.

Im Rana Plaza wurden zum damaligen Zeitpunkt mehr als 5.000 Menschen beschäftigt. Große Marken wie Primark, Mango, Benetton und C&A ließen ihre Kleidungsstücke dort billig produzieren. Arbeiter aus der Textilbranche werden mit unterdurchschnittlichen Löhnen abgespeist, haben durch lange Arbeitstage wenig Freizeit und müssen ungeschützt mit gefährlichen Chemikalien hantieren. Zudem fehlt es in den großen Fabriken oft an Brandschutzbestimmungen.

Nach Rana Plaza wurden in Bangladesch höhere Sicherheitsstandards durchgesetzt. Auf globaler Ebene hat sich allerdings kaum etwas geändert. Große Modekonzerne versprachen Besserung im Hinblick auf die arbeitsrechtlichen Standards in ihren Produktionsketten. Überwiegend blieb es aber bei Lippenbekenntnissen. Denn würden sie den Arbeitern in den Textilfabriken tatsächlich einen fairen Lohn zahlen oder ihnen das Recht auf eine Gewerkschaft oder Arbeitnehmervertretung einräumen, müssten sie ihre Preise erhöhen. Der Preiskrampf in der Modebranche macht das aber so gut wie unmöglich.

Auch China wird aktuell kritisch ins Auge gefasst. Menschenrechtsorganisationen berichteten 2020 darüber, dass die chinesische Regierung die muslimische Minderheit der Uiguren systematisch in Internierungslager verfrachten und damit versuchen würde, sie sich vom Hals zu schaffen. 1 bis 1,8 Millionen Menschen könnten von Zwangsarbeit, Gewalt und Vergewaltigung, Zwangssterilisation sowie Umerziehungsbestrebungen durch die Chinesen betroffen sein.

In der Xinjiang – einem uigurischen Gebiet – wird Baumwolle angepflanzt. Rund 20 Prozent der weltweiten Produktion stammt aus dieser Region. Jedes fünfte Kleidungsstück könnte daher potenziell durch uigurische Zwangsarbeit entstanden sein. Ein Zusammenschluss aus mehr als 180 Organisationen hat internationale Großkonzerne dazu aufgerufen, ihre Lieferketten umgehend zu prüfen, um auszuschließen, dass sie zur Ausbeutung von uigurischen Zwangsarbeitern beitragen.

WAS KANN ICH ALS KONSUMENT TUN?

Oft versuchen Unternehmen, die Verantwortung gänzlich auf Konsumenten und ihre Kaufentscheidungen abzuwälzen. Dagegen regt sich aber Widerstand. Ein erster Schritt wurde in Deutschland gemacht, wo am 11. Juni 2021 das Lieferkettengesetz durch den Bundestag beschossen wurde. Dadurch werden Unternehmen verpflichtet, ihre Lieferketten auf Menschenrechtsverletzungen und umweltschädigende Praktiken zu prüfen. Bis dato hat das nur jedes dritte europäische Unternehmen getan. Das Gesetz ist ein Anfang, weist aber laut Kritikern noch Schwachstellen auf. Es bedarf also einer Nachschärfung.

Auch in Österreich bleibt die Zivilgesellschaft nicht tatenlos. Die „Bürger*innen-Initiative Österreich“ wurde durch ein Komitee auf den Weg gebracht, das sich aus Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammensetzt. Diese Initiative kannst du durch eine Spende, aber auch durch aktive Mitarbeiter unterstützen.

KLEINE VERÄNDERUNGEN MIT GROSSER WIRKUNG

Wir als Individuen können das vorherrschende Wirtschaftssystem zwar nur bedingt ändern. Das Überdenken unserer Konsumgewohnheiten trägt aber trotzdem einen kleinen Teil dazu bei. Natürlich ist das auch immer eine Frage deiner finanziellen Mittel.

Zertifizierte Siegel helfen dir, nachhaltigere Kaufentscheidungen zu treffen. Einen Überblick findest du hier.

  1. Bevorzuge fair gehandelte Produkte. Kaffee oder Schokolade, die mit einem vertrauenswürdigen Siegel ausgestattet sind, gibts mittlerweile fast in jedem Supermarkt.
  2. Shoppe in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten, wenn du neue Kleidung brauchst. Das ist nicht nur billiger, sondern man stößt beim Stöbern oft auf richtige Schätze.
  3. Orientiere dich beim Obst- und Gemüsekauf an der Erntesaison und beziehe nach Möglichkeit regionale Produkte. In vielen Städten finden wöchentlich Bauernmärkte statt.
  4. Ohne Smartphone und Laptop kommt man heutzutage nur schwer aus. In dieser Sparte gibt es mittlerweile Anbieter wie das Fairphone, die sogar Ersatzteile nachliefern können. Auch Elektrogeräte lassen sich ganz einfach aus zweiter Hand kaufen, ob privat oder über kommerzielle Anbieter. Nutze auch jedes Gerät so lange, bis es tatsächlich nicht mehr funktioniert! Danach kannst du es in einen Elektromarkt bringen – dort werden sie recycelt und die Rohstoffe wiederverwendet.
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