Moderne Sklaverei auf Thailands Fischerbooten

Spätestens seit der Film „Seaspiracy“ auf der Streaming-Plattform Netflix lief, wissen wir alle, dass der Verzehr von Fisch und Meeresfrüchten unseren Planeten nachhaltig schädigt. Die Weltmeere leiden unter der Überfischung und dem vielen Plastikmüll, aber auch viele Menschen werden zu Opfern der Fischindustrie. In Thailand werden Migrantinnen und Migranten auf Fischkuttern versklavt und misshandelt. Die Boote, auf denen sie gefangen gehalten und zur Arbeit gezwungen werden, sind oft über Monate auf See, sodass eine Flucht unmöglich ist.

GEFANGENSCHAFT UND ZWANGSARBEIT AUF HOHER SEE

Weltweit ist Thailand das Land mit der drittgrößten Fischindustrie (Stand 2016). In einer Reportage von The Guardian aus 2015 erzählen befreite Überlebende, welch schreckliche Dinge ihnen auf thailändischen Fischkuttern angetan wurden. Es handelt sich Großteils um illegale Arbeitsmigranten aus Myanmar, Indonesien und Kambodscha. Einige berichten, dass sie vor ihrer Entführung noch nie einen Fuß auf ein Boot gesetzt und Todesangst hatten. Laut Recherchen werden diese Boote teilweise von „Mutterschiffen“ mit Treibstoff und Lebensmitteln versorgt, sodass es ihnen unter Umständen möglich ist, eine sehr lange Zeit unterwegs zu sein, ohne jemals an einem Hafen Halt zu machen. Auf diese Weise haben die Arbeiter an Bord keinerlei Fluchtmöglichkeiten. Einige Opfer berichten, über Jahre keinen Fuß auf Festland gesetzt zu haben. Gearbeitet wurde bis zu 20 Stunden pro Tag, es blieb kaum Zeit zum Schlafen und Essen. Sie wurden geschlagen und vergewaltigt. Viele Menschen starben in dieser schwimmenden Hölle.

Wie kommt es dazu, dass Menschen auf diesen Fischerbooten, wo sie isoliert, ausgebeutet und misshandelt werden, landen? Gehören derart schwere Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit an oder gibt es das Problem der Sklaverei in der thailändischen Fischindustrie nach wie vor? Diesen Fragen gehen wir hier auf den Grund.

MIT LUG UND TRUG ANGELOCKT

Thailands Wirtschaft floriert seit einigen Jahren. Mehr Wohlstand bringt mit sich, dass die Einwohner eine höhere Bildung erlangen und immer weniger von ihnen schlecht bezahlte, körperliche Arbeit verrichten wollen. Das Land wird somit abhängiger von Arbeitswilligen aus dem Ausland. Menschen aus armen Nachbarländern wie Indonesien, Myanmar und Kambodscha kommen über die Grenze, weil sie hoffen, in Thailand gutes Geld zu verdienen. Die rechtmäßige Migration ist jedoch mit viel bürokratischem Aufwand verbunden, weshalb viele illegal einreisen.

Dies spendet den Nährboden für unseriöse Vermittlungsagenturen, die die Vulnerabilität der Migrantinnen und Migranten auszunutzen wissen. Sie versprechen ihnen, dass für sie eine gutbezahlte Arbeitsstelle gefunden werden kann. Diese Agenturen haben sich darauf spezialisiert, Menschen aus den Zielländern zu ködern. Den Leuten wird versprochen, dass sie stabile, gutbezahlte Anstellungen in Fabriken bekommen. Unter Druck gesetzt, unterzeichnen die Arbeitswilligen Verträge, die sie nicht verstehen. Nicht selten werden auch hohe Vermittlungsgebühren verrechnet, die sie dann erst durch ihre Tätigkeit abbezahlen müssen. Tatsächlich aber gaben die meisten Arbeiter in einer Umfrage an, gar keinen schriftlichen Vertrag erhalten zu haben (94 Prozent der Befragten).

„GELBE KARTE“ FÜR THAILAND

Vor etwa 10 Jahren wurde in einem Report der International Organisation of Migration dokumentiert, wie sehr Thailand in Menschenhandel und Sklaverei verwickelt ist. Seit dem Bekanntwerden der Zustände machen die EU und die USA Druck gegen die thailändische Regierung. Es wurde ihr vorgeworfen zu wissen, was vor ihren Küsten passiert, während sie untätig bliebe. 2015 kam eine offizielle Warnung der Europäischen Union, Thailand müsse schnellstmöglich gegen die Menschenrechtsverletzungen ankämpfen, sonst würden Sanktionen folgen, zum Beispiel ein Importverbot für Fischereiprodukte. Dieses würde für den „Fischriesen“ Thailand schmerzhafte finanzielle Verluste bedeuten. Die Regierung versprach daraufhin Besserung und verpflichtete die Exekutive, jedes Fischerboot beim Verlassen und Einfahren in einen Hafen zu überprüfen. Zudem verschärfte sie Strafen bei Missachtung der Arbeits- und Menschenrechte.

DER KAMPF GEGEN DIE SKLAVEREI GEHT WEITER

Die gesetzten Reformen hatten in der Realität leider wenig Einfluss auf die Situation der Arbeiter aus dem Ausland.  Laut „Human Rights Watch“ hätte sich die Lage sogar in manchen Aspekten verschlimmert. Auf dem Papier sehen die Gesetze gut aus, aber in der Praxis werden die Boote nicht ausreichend kontrolliert. Außerdem ist es Zugewanderten quasi unmöglich, sich kollektiv zu organisieren. In Thailand ist es nur Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern erlaubt, eine Gewerkschaft zu gründen oder anzuführen. Klar ist: Thailand braucht Arbeitskräfte aus dem Ausland, um sein Wirtschaftswachstum zu begünstigen.

Anstatt den Druck auf Thailand zu erhöhen, hat die EU im Jahr 2020 die ausgestellte „gelbe Karte“ gegen Thailand wieder zurückgezogen.

Erst dieses Jahr wurde ein Thailänder angeklagt, da er unter Verdacht steht, Rohingya-Flüchtlinge* ins Land eingeschleppt und dort an die Fischereiindustrie verkauft zu haben.

Die Berichte über diese berüchtigten Fischerboote wurden in den letzten Jahren weniger – was jedoch nicht heißt, dass das Land das Problem des Menschenhandels völlig aus der Welt geschafft hat. Auch wir als Konsumentinnen und Konsumenten tragen Verantwortung. Das Beste wäre zweifelsohne, völlig auf Fisch und Meeresfrüchte zu verzichten – der Umwelt sowie den Menschen zuliebe.

*Die Rohingyas sind eine ethnische Gruppe aus Myanmar (früher: Birma), welche in ihrem Land verfolgt und vertrieben werden.

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