Die Zahl minderjähriger Drogenopfer in Österreich steigt. Expert:innen schlagen Alarm und fordern seit Jahren, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Besonders betroffen sind Mädchen aus schwierigen familiären oder sozialen Verhältnissen, die gezielt von Personen aus dem Drogenmilieu angesprochen und beeinflusst werden. Dabei wird Wien – als Landeshauptstadt – immer wieder als Brennpunkt genannt. Die Zahl der Rettungseinsätze mit Verdacht auf Drogenvergiftungen bei Minderjährigen ist dort deutlich gestiegen: Während im Jahr 2024 noch 297 Einsätze registriert wurden, waren es 2025 bereits 372 (siehe Quellenverweise anbei).

Den Fakten auf der Spur
Die Dunkelziffer bei drogenbezogenen Todesfällen und Einsätzen im Zusammenhang mit Substanzmissbrauch ist hoch. Viele Betroffene oder deren Umfeld sprechen aus Angst vor Konsequenzen nicht über ihre Erfahrungen. Um ein genaueres Bild der Situation zu erhalten, veröffentlicht das Gesundheitsministerium regelmäßig den „Epidemiologiebericht Sucht“.
Der Bericht zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Besonders bei jungen Frauen steigt der Anteil jener, die infolge des Konsums illegaler Substanzen versterben. Seit 2019 ist ein kontinuierlicher Anstieg zu beobachten. Im Jahr 2024 waren 21 der verstorbenen Frauen jünger als 25 Jahre (Epidemiologiebericht Sucht 2025, S. 48).

Seit 1989 werden in Österreich systematisch Daten zu drogenbezogenen Todesfällen erhoben. Grundlage dafür sind polizeiliche Meldungen, Obduktionsergebnisse und Totenbeschauscheine, die dem Bundesministerium übermittelt werden. Durch diese Erfassung soll ein möglichst genaues Bild der Drogensituation in Österreich entstehen.
Im Jahr 2024 starben österreichweit 257 Menschen an einer Überdosierung. Das entspricht rund vier Todesfällen pro 100.000 Einwohner:innen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Rund 80 Prozent davon waren männlich. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass viele Todesfälle durch einen sogenannten Mischkonsum verursacht werden. Dabei führen mehrere gleichzeitig konsumierte Substanzen zum Tod, obwohl die einzelnen Mengen für sich genommen nicht zwangsläufig tödlich gewesen wären (Epidemiologiebericht Sucht 2025, S. 17, S. 44).
Eine Entwicklung, die nicht ignoriert werden darf
Besonders alarmierend ist die aktuelle Situation bei Minderjährigen. Allein in Wien starben im Jahr 2025 sieben Jugendliche unter 18 Jahren an den Folgen von Drogenkonsum, obwohl sie unter der Betreuung der Kinder- und Jugendhilfe standen.
Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Belinda Plattner berichtet (in Rahmen eines ORF-Beitrags) von einem Muster, das Fachleute zunehmend beunruhigt. Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren wurden häufig an Bahnhöfen oder öffentlichen Plätzen angesprochen, zunächst mit Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Drogen geködert und anschließend nach Wien gebracht. Dort erhielten sie oftmals kostenlos Substanzen wie Kokain oder Crystal Meth. Was zunächst als vermeintliche Freundschaft oder Unterstützung erschien, entwickelte sich jedoch rasch zu einer gefährlichen Abhängigkeit.
Laut den Erzählungen betroffener Mädchen folgen auf die anfängliche Anwerbung häufig psychische Manipulation, Kontrolle und in vielen Fällen auch sexuelle Ausbeutung. Die Betroffenen geraten in ein Abhängigkeitsverhältnis, aus dem sie sich nur schwer befreien können. Genau diese Mechanismen sind auch aus Fällen des Menschenhandels bekannt: Täter:innen schaffen emotionale oder finanzielle Abhängigkeiten, isolieren ihre Opfer und nutzen deren Verletzlichkeit gezielt aus.
Besonders tragisch ist der Fall einer 16-Jährigen, die nach einer mutmaßlichen Überdosis tot in einem Wiener Hotelzimmer aufgefunden wurde. Die Ermittlungen dauern noch an. Fachleute halten es jedoch für möglich, dass Drogenkonsum und sexuelle Ausbeutung in diesem Fall eng miteinander verknüpft waren.

Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe betont, dass sie auf Beziehungsarbeit statt auf Zwang setzt. Gleichzeitig weisen Fachkräfte darauf hin, dass viele Jugendliche bereits schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben. Vertrauen aufzubauen und Hilfe anzunehmen, ist deshalb oft ein langer Prozess. Expert:innen fordern daher verstärkte Präventionsmaßnahmen, bessere Schutzmechanismen für gefährdete Minderjährige und ein konsequenteres Vorgehen gegen Netzwerke, die Jugendliche gezielt in Abhängigkeit und Ausbeutung treiben.
Wenn Sucht zur Tür für Ausbeutung wird
Die geschilderten Fälle zeigen, wie eng Drogenabhängigkeit, soziale Isolation und Ausbeutung miteinander verbunden sein können. Dabei ist es wichtig, vorschnelle Schlussfolgerungen zu vermeiden und gleichzeitig bestehende Warnsignale ernst zu nehmen. Der Epidemiologiebericht Sucht 2025 macht deutlich, dass insbesondere junge Frauen zunehmend gefährdet sind. Die Zahl jener, die von harten Drogen abhängig werden oder an deren Folgen sterben, steigt seit Jahren an.
Diese Entwicklung darf jedoch nicht als individuelles Versagen verstanden werden. Sie wirft vielmehr grundlegende gesellschaftliche Fragen auf. Wie gehen wir mit jungen Menschen um, die sich ausgeschlossen fühlen? Welche Schutzräume bieten wir Mädchen und jungen Frauen, die nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Sicherheit suchen? Und wie verhindern wir, dass genau diese Bedürfnisse von Täter:innen ausgenutzt werden?
Menschenhandel beginnt selten mit Gewalt. Oft beginnt er mit Aufmerksamkeit, vermeintlicher Fürsorge oder dem Versprechen, endlich dazuzugehören. Jugendliche, die wenig Halt erleben, sind ganz besonders empfänglich für solche Strategien. Die Täter:innen wissen das und nutzen es gezielt aus.
Deshalb braucht es mehr als nur polizeiliche Ermittlungen. Es braucht Aufklärung in Schulen, ausreichend finanzierte Jugendhilfeeinrichtungen, niedrigschwellige Beratungsangebote und eine Gesellschaft, die hinsieht, wenn junge Menschen in Krisen geraten. Jede und jeder von uns kann einen Beitrag leisten, indem wir aufmerksam bleiben und Warnsignale ernst nehmen.
Wenn wir bemerken, dass sich ein junger Mensch zunehmend zurückzieht, plötzlich in problematische Kreise gerät oder Anzeichen von Abhängigkeit und Ausbeutung zeigt, sollten wir nicht wegsehen. Frühes Handeln kann Leben retten. Denn hinter jeder Zahl steht ein Menschleben, dessen Zukunft es wert ist, geschützt zu werden.
Infoquellen:
https://orf.at/stories/3416237
https://www.kleinezeitung.at/artikel/20459092/gefaehrlicher-trend-junge-maedchen-werden-mit-drogen-nach-wien-gelockt
https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Drogen-und-Sucht/Suchtmittel-NPS-Drogenausgangsstoffe/Berichte-und-Statistiken/Epidemiologieberichte-Sucht-%E2%80%93-illegale-Drogen,-Alkohol-und-Tabak.html
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