Loverboys. Doch Liebe ist das nicht.

Für viele der Opfer ist es die erste Liebe, der erste Freund. Aber der vermeintliche Traummann ist in Wirklichkeit ein hochmanipulativer Menschenhändler, der Mädchen und junge Frauen in die Prostitution zwingt.

Anbahnung

Julia* hat vor 2 Tagen ihren 13. Geburtstag gefeiert. Zur Party kamen hauptsächlich Verwandte, es war furchtbar langweilig. In der Schule ist sie eher eine Einzelgängerin. Sie ist introvertiert und unsicher. Die Pubertät hat ihren Körper verändert, sie hat die größten Brüste in der Klasse und wird deswegen von den Jungs verspottet. Die anderen Mädchen machen manchmal mit.An der Bushaltestelle sieht sie öfters einen gutaussehenden, jungen Mann, er fährt ein teures Auto, sitzt aber meist nur drin und telefoniert. Eines Tages, es war Turnunterricht und die Mitschüler schoben wieder richtig derbe Sprüche wegen ihrer Brüste, kam er mit zwei Bechern heißer Schokolade auf sie zu und setzte sich. „Deine wunderschönen Augen sind heute trauriger als sonst. Ich möchte das ändern.“ Julia spürte ein Gefühl, als hätte ein Blitz in sie eingeschlagen.Gekonnt erschleicht sich der junge Mann Julias Vertrauen, die wiederum ihr Glück gar nicht fassen kann: Sie hat jetzt nämlich einen Freund, einen, der hübscher und älter als der der anderen Mädchen ist. SIE!

So oder ähnlich kann der Einstieg in die Prostitution aussehen. „Loverboys“, die ihrem Namen nicht im Geringsten gerecht werden, sind Zuhälter, Menschenhändler. Und ihre Masche ist ekelhaft. Sie lauern ihren Opfern vor der Schule, in Cafés, Bars, online in den Sozialen Medien, auf Gaming-Seiten oder sogar auf altersentsprechenden Dating-Apps auf. Sie gewinnen das Vertrauen unsicherer, naiver Mädchen aller Gesellschaftsschichten. Manche sind erst elf oder zwölf Jahre alt.

Gehirnwäsche

Die Pubertät bringt allerhand Unsicherheiten mit sich. Der sich verändernde Körper, das Hormonchaos, das auch auf die Emotionen drückt. Streitigkeiten mit den Eltern, die einen nie verstehen. Und plötzlich ist er da: der Traumprinz. Gutaussehend, durchtrainiert, schick gekleidet – wie einer Boyband entsprungen. 

Er hat Zeit, Verständnis, Geld. Bringt Geschenke, hört zu. Immer mehr Zeit verbringen sie gemeinsam, bald haben sie Sex, da er ihr nicht widerstehen könne, sie sei so schön. Die Beziehung sei etwas ganz Besonderes, die gemeinsame Zukunft wird geplant. Eine schöne Wohnung, vielleicht ein Haus? Julia ist inzwischen bis über beide Ohren verliebt, ihm hörig. Sie verbringt immer weniger Zeit zu Hause, die Eltern lässt sie gar nicht mehr an sie ran. Auch der Geliebte findet, dass ihre Eltern einfach nur nerven. Außerdem ist sie jetzt eine richtige Frau. Einmal ist ein Kumpel von ihm dabei, als er Sex haben möchte. Julia ist das sehr unangenehm, sie schämt sich, wehrt sich. „Liebst du mich nicht? Vertraust du mir nicht? Mein Freund hat gerade eine schlechte Zeit, ich möchte, dass du ihn tröstest.“ Komisch ist das schon, aber so einen Mann wie diesen will man nicht verlieren. Sie nennen es „Frischfleisch einreiten“.

Endstation Strich

Manche Opfer werden von Freunden des Loverboys vergewaltigt. Dieser Akt wird gefilmt, um das Mädchen zu erpressen: Sollen deine Familie und deine Mitschüler doch sehen, was du für eine bist! Manchmal sind auch Drogen im Spiel, um das Opfer zusätzlich abhängig zu machen.
Plötzlich eine Krise: Der Freund hat Schulden, die er sofort begleichen muss. Am einfachsten wäre es, wenn sie sich für kurze Zeit prostituieren würde. Nur ein paar Wochen. Ja, ihm gefalle das auch nicht! Aber mit ihrem Aussehen könne sie richtig viel verdienen, in ein paar Wochen wäre genug Geld beisammen. Wie, liebst du mich nicht richtig? Hast du vergessen, was ich alles für dich getan habe?

Die Begründungen sind unterschiedlich: Schulden, Geld für die Traumimmobilie, Krankheit mit hohen privaten Kosten. Loverboys sind Meister der Gehirnwäsche, die Opfer längst in einem Abhängigkeitsverhältnis.

Julia landet verwirrt auf dem Straßenstrich, sie fühlt sich schlecht, etwas läuft gerade richtig falsch. Gefangen zwischen Liebe und Scham tut sie, was er von ihr verlangt. Die Männer sind ekelhaft! Sie kann gar nicht mehr aufhören zu duschen, sich den ganzen Dreck wieder abzuwaschen. Aber das klappt nicht! Das Geld gibt sie ab. Morgens bringt er sie weiter zur Schule, aber sie schläft oft im Unterricht ein. Ihre Leistungen rutschen ab, sie ist noch stiller geworden. Lehrer werden aufmerksam, die sie nur schnippisch von sich weist. Am Turnunterricht nimmt sie nicht mehr teil, er hat ihr eine Entschuldigung gefälscht. Keiner soll die Blessuren sehen – wenn sie zu wenig Geld bringt, wird er nämlich böse. Ihr ist aber auch selbst bewusst, dass sie fleißiger sein muss.

In manchen Fällen sehen die Opfer ihren Loverboy nicht mehr wieder, dieser kümmert sich bereits um die Nächste, das Geld holt ein anderer. Sie arbeiten in einem Bordell oder einer Privatwohnung, oft in fremden Städten. Für das frühere Umfeld sind sie inzwischen wie vom Erdboden verschwunden.
Als Julia erfährt, dass es noch andere neben ihr gibt, dass sie weder die Einzige noch seine große Liebe ist, bricht die Welt für sie zusammen. Sie versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, aber es klappt nicht, sie wird gefunden. Sie möchte gerne nach Hause, wüsste aber auch gar nicht, was sie ihren Eltern sagen soll. Und die ganzen Videos und Fotos, die er von ihr gemacht hat, ihre Eltern würden sie dann ohnehin rauswerfen. Sie fühlt sich so schrecklich allein und getäuscht.

Der Ausstieg ist schwer. Es gibt Erpressungsmaterial, Gewalt, Todesdrohungen gegen das Mädchen selbst oder die Familie. Die Mädchen schämen sich, glauben, ihre Familie und Freunde würden sich abwenden. Zusätzlich sind sie ihrem Loverboy immer noch hörig, das vermeintliche Gefühl der Liebe (ok, da sind andere, aber lieben tut er nur mich) und Hoffnung (sobald genug Geld da ist, beginnt unser schönes Leben) lässt sie weitermachen.

Wer sind diese Loverboys? 

Junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren, oft aus sozialen Randgruppen wie beispielsweise Motorradgangs. Sie sind modisch gekleidet, fahren teure Autos und benehmen sich anfangs wie richtige Gentlemen. Der Begriff Loverboy  wurde vor etwas mehr als 10 Jahren in den Niederlanden geprägt, als dort über 1500 Fälle/Jahr aktenkundig wurden.

Wer sind die Opfer?

Sie sind meist minderjährig, stammen aus allen sozialen Verhältnissen, durch Kontaktanbahnungen über das Internet ist auch der Wohnort irrelevant.
2021 waren laut Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung des BKA (Bundeskriminalamt) 22,8% der Opfer des „Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ deutsch, ein Drittel jünger als 21 Jahre. Der KOK (Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e. V.) berichtet, dass der Großteil der deutschen Opfer durch die Loverboy-Methode zur Prostitution kam. 

Die Dunkelziffer sei allerdings weit höher, da die Loverboy-Opfer in keiner Statistik gesondert aufgeführt werden. Viele Mädchen erstatten außerdem keine Anzeige, da sie bedroht werden oder sich schämen und niemandem mehr vertrauen. Außerdem fehle oft ein Opferbewusstsein, da sie sich ihrer Meinung nach freiwillig prostituieren.

Was kann man tun?

Aufklären, aufklären und aufklären. Die Kinder, die Eltern und Familien, die Lehrer. Nicht wegsehen, wenn jemand Hilfe zu brauchen scheint. Das Selbstbewusstsein der Teenager stärken, den Familienzusammenhalt deutlich machen.
Es gibt inzwischen viele Initiativen, die präventiv an Schulen Workshops abhalten oder Vorträge für Eltern halten. Die unterstützen, wenn Hilfe benötigt wird.

Hier einige Adressen:

www.die-elterninitiative.de – Elterninitiative für Loverboy-Opfer
www.eilod.de – Elterninitiative für Loverboy-Opfer
https://www.frauenrechte.de/unsere-arbeit/themen/frauenhandel/loverboy-methode – Aufklärung an Schulen
www.weisser-ring.de/media-news/news-pressemitteilungen/14-05-2012 Infos und Hilfe für Opfer
www.liebe-ohne-zwang.de/de/loverboys – Workshops und Aufklärung
www.lightup-movement.at/was-kann-ich-tun – Plattform, um selbst gegen Menschenhandel tätig zu werden
www.wienernetzwerk.at – Netzwerk gegen die sexuelle Gewalt an Mädchen und Buben, mit vielen Hilfs- und Beratungsadressen

*Julia und ihre Geschichte sind frei erfunden

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