Was passiert wirklich in der Prostitution? Die Erzählungen eines ehemaligen Zuhälters

Wie läuft es in der Prostitution wirklich ab? Diese Frage lässt sich nicht allein anhand von Statistiken, Zeitungsberichten, Fachtagungen oder Büchern beantworten. Hinter dem Begriff Prostitution stehen Menschen mit ihren persönlichen Schicksalen, Erlebnissen, Abgründen und verschiedenen Abhängigkeiten – Menschen, die oft auch Opfer von Gewalt wurden. Viele dieser Geschichten bleiben verborgen und werden nur selten öffentlich erzählt bzw. gehört. 

Als Organisation, die sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt, wollen wir genau dort hinsehen, wo andere wegsehen. Mit unseren Beiträgen, Social-Media-Formaten und weiteren Informationsangeboten möchten wir über Bereiche von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Zwangsprostitution aufklären und den Betroffenen Raum geben, ihre Erfahrungen sichtbar zu machen. Denn hinter jeder Statistik steht ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, eigenen Verletzungen und einem Recht auf Schutz und Würde. Geschichten wie die des ehemaligen Hells-Angels-Mitglieds und Zuhälters Kassra Zargaran bieten eine Möglichkeit, über dieses Thema zu sprechen und zu schreiben.

In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger (einer überregionalen Zeitung mit Sitz in Zürich) sprach Kassra Zargaran nach seiner Haftzeit über seine Erfahrungen im Rotlichtmilieu und darüber, wie er die Strukturen rund um Prostitution erlebt hat. Besonders bemerkenswert ist, dass er heute selbst ein Verbot der Prostitution fordert.

Kassra Zargaran beschreibt eine Welt, die von Macht, Abhängigkeit und Gewalt geprägt ist. Besonders zentral ist dabei die Frage nach der Freiwilligkeit.

Er erklärt, dass er in seiner Zeit im Milieu keine einzige Frau traf, die aus seiner Sicht freiwillig als Prostituierte tätig gewesen wäre. Dabei geht es nicht nur um unmittelbaren Zwang oder körperliche Gewalt. Auch finanzielle Notlagen, diverse Abhängigkeiten, Drohungen, psychischer Druck oder die Kontrolle durch andere Personen können die Möglichkeit einer freien Entscheidung erheblich einschränken oder völlig lahmlegen. 

Gerade der Punkt der Freiwilligkeit ist entscheidend und es ist wichtig, diesen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten: Eine Situation kann nach außen hin den Eindruck einer freiwilligen Entscheidung erwecken und dennoch von erheblichen Abhängigkeiten geprägt sein. Deshalb genügt es nicht zu fragen, ob die Person theoretisch „Nein“ sagen könnte. Es muss vielmehr untersucht werden, unter welchen Bedingungen sie ihre Entscheidung treffen musste.

Zargaran spricht deutlich von männlich dominierten Strukturen. Seiner Erfahrung nach haben die betroffenen Frauen keine Kontrolle über die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeiten. 

Natürlich können diese Aussagen nicht stellvertretend für jede Person stehen; sie zeigen aber deutlich, wie jemand, der die Szene wirklich gut kennt und lange darin gelebt hat, sie beurteilt. Wichtig sind Fragen wie: Wer kontrolliert das Geld? Wer bestimmt die Arbeitsbedingungen? Wer profitiert? Und welche Möglichkeiten haben die Betroffenen tatsächlich, ihre Situation zu verlassen?

Die Debatte über Prostitution wird häufig auf die Frage reduziert, ob es sich um eine freiwillige oder eine unfreiwillige Tätigkeit handelt. Die Realität ist komplexer.

Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung sind schwere Menschenrechtsverletzungen. Gleichzeitig darf nicht jede Person, die in der Prostitution tätig ist, automatisch als Opfer betrachtet werden. Eine menschenrechtsorientierte Perspektive muss beides ermöglichen: Sie muss die Selbstbestimmung ernst nehmen und gleichzeitig diejenigen schützen, die ausgebeutet, bedroht oder zur Prostitution gezwungen werden. Dabei darf weder das eine noch das andere verharmlost oder falsch eingeordnet werden. Ebenso wenig darf die Debatte als Ausrede dienen, um Menschen in Not Hilfe vorzuenthalten.

Genau hier liegt eine der großen Herausforderungen der politischen Debatte. Wie kann ein System verhindern, dass wirtschaftliche Not, soziale Ausgrenzung, Abhängigkeit oder fehlende Alternativen von anderen Menschen ausgenutzt werden?

Besonders kritisch äußert sich Zargaran zur Rolle der Behörden. Aufgrund seiner Erfahrungen in Hamburger Rotlichtmilieu vertritt er klar und deutlich die Auffassung, dass die Behörden bestimmte Entwicklungen deswegen viel zu lange geduldet oder ignoriert haben, weil die Prostitution gesetzlich erlaubt ist.

Obwohl diese Einschätzung als seine persönliche Sicht eingeordnet werden muss, berührt sie eine zentrale menschenrechtliche Frage: Wie kann der Staat Menschen vor Ausbeutung schützen, wenn Ausbeutung innerhalb eines legalen oder teilweise legalen Wirtschaftszweigs stattfindet?

Die bloße Existenz gesetzlicher Regelungen garantiert noch keinen wirksamen Schutz. Entscheidend sind Kontrollen, der Zugang zu Hilfsangeboten, eine wirksame Strafverfolgung von Menschenhandel und Zuhälterei sowie ein niederschwelliger Zugang zu Hilfe für Betroffene, ohne dass sie Angst vor Bestrafung, Abschiebung oder weiteren Repressalien haben müssen.

Das Interview mit Kassra Zargaran ist auch deshalb bemerkenswert, weil jemand zu Wort kommt, der nicht von außen auf das Milieu blickt, sondern selbst ein Teil davon war. Seine Aussagen können und sollen nicht die Erfahrungen aller erklären. Sie ermöglichen jedoch einen Blick auf Machtstrukturen, die in öffentlichen Diskussionen leicht ausgeblendet werden.

Als ehemaliger Zuhälter fordert Kassra Zargaran nun ein Prostitutionsverbot. Letztlich stellt er damit die Frage nach der Verantwortung in den Raum, denn welche Konsequenzen ergeben sich aus der Tatsache, dass jemand, der von bestimmten Strukturen profitiert hat, zu dem Schluss kommt, diese Strukturen seien menschenverachtend? 

Für eine Organisation wie Hope for the Future steht genau diese Frage im Mittelpunkt. Menschen dürfen nicht zur Ware werden. Niemand sollte aufgrund von Armut, Abhängigkeit, Täuschung, Gewalt oder Drohungen sexuell ausgebeutet werden. Und dort, wo Menschenhandel stattfindet, braucht es konsequentes Handeln.

Die Geschichte von Kassra Zargaran ist keine einfache Antwort auf die Frage, wie Prostitution grundsätzlich zu bewerten ist. Sie ist vielmehr ein Anlass, genauer hinzusehen.

Wir sollten den Menschen zuhören, die Ausbeutung erlebt haben, und den Perspektiven von Menschen unsere Aufmerksamkeit schenken, die über ihre Folgen berichten. Gleichzeitig müssen wir die Strukturen bekämpfen, die Menschenhandel, Zwang und sexuelle Ausbeutung möglich machen. 

Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Ist die Prostitution legal oder illegal?

Die entscheidende Frage lautet: Wie stellen wir sicher, dass Menschenrechte, Würde, Selbstbestimmung und Schutz vor Ausbeutung tatsächlich gewährleistet sind?

Genau darüber müssen wir sprechen.

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Bildquellen: Die Bilder wurden mit Unterstützung von KI erstellt.