Unsichtbare Akteure: Männer in der Welt der Prostitution

Wenn über Prostitution gesprochen wird, dominieren Bilder von Frauen und männlichen Freiern. Männer, die diesen ausbeuterischen Strukturen ausgesetzt sind, bleiben jedoch oft unsichtbar. Dieser Artikel beleuchtet, wie Männer als Prostituierte arbeiten, sei es „freiwillig“ als Callboys, oder unfreiwillig als Opfer von Zwangsprostitution im Rahmen von Menschenhandel.

Männliche Sexarbeit ist kein marginales Phänomen, sondern existiert in verschiedenen Formen: Escortservice, Callboys und Stricher adressieren ein wachsendes Feld von männlichen Sexarbeitenden, die ihre Dienste heute zunehmend über das Internet vermitteln. Dabei ist der Unterschied, dass der Begriff Stricher männliche Prostituierte bezeichnet, welche sexuelle Dienste direkt im öffentlichen Raum anbieten, während Callboys oder Escort Service oft über Agenturen oder das Internet angeboten werden. Callboys werden direkt nach Hause oder in Hotels gebucht, während ein Escort Service eher für das Begleiten zu Events oder ein Essen gebucht wird.

Beim Escort Service müssen aber sexuelle Dienstleistungen nicht inbegriffen sein, wie bei einem Callboy. Sozialarbeiter betonen, dass sich männliche Prostitution nicht mehr nur auf altbekannte öffentliche Plätze konzentriert, sondern virtuell verhandelt wird, was neue Chancen für Präventionsarbeit und Beratung schafft, gleichzeitig aber auch traditionelle Unterstützungsstrukturen herausfordert. Diese Entwicklungen zeigen, dass männliche Sexarbeiter, anders als die stereotypisierte Vorstellung von Prostituierten auf der Straße, meist multifunktional, flexibel und digital vernetzt arbeiten. Die Szene ist heterogen: Von selbstbestimmten Callboys mit sekundären Einkünften bis zu Männern, die regelmäßig sexuelle Dienstleistungen anbieten.

Im Interview mit edit.Magazin von 2021 berichtet ein Mann, der als Callboy arbeitet, davon, wie vielfältig männliche Beteiligung an Prostitution sein kann. Er führt ein reguläres Berufsleben in der Automobilbranche und verdient zusätzlich als Callboy unter einem Pseudonym Geld, indem er Frauen und Paare trifft. Die Tätigkeit betrachtet er nicht als verwerflich, sondern rein als Dienstleistung, die wie jeder andere Job professionell ausgeübt wird. Was an dem Interview besonders bemerkenswert ist: Er betont, dass Männer dabei viel weniger stigmatisiert würden als Frauen, selbst wenn es um denselben Akt geht. Er erzählt offen über sein Leben, über die Reaktionen von Freunden und Familie und begegnet dem Thema mit beinahe pragmatischer Gelassenheit, weit entfernt von moralischen Schuldzuweisungen. Dieses persönliche Zeugnis steht im Kontrast zur oft stereotypen Darstellung männlicher Sexarbeit und zeigt, dass es weit mehr Motive für männliche Beteiligung gibt als nur Armut oder Gewalt: Auch Selbstbestimmung, Sexualität und Identität spielen eine Rolle.

Ein Aspekt, der im öffentlichen Diskurs häufig untergeht, ist die Zwangsprostitution im Kontext von Menschenhandel, und dabei sind nicht nur Frauen betroffen. Die MEN VIA-Initiative in Österreich ist ein Beispiel dafür, wie Männer als Betroffene aus menschenhandelähnlichen Strukturen unterstützt werden.

Betroffene Männer können:

  • durch Drohungen, Gewalt oder Entzug von Freiheit und Dokumenten zur Prostitution gezwungen werden; 
  • in riskanten, oft illegalen Tätigkeiten ausgebeutet werden, z. B. in der Bettelei oder direkt in der Prostitution; 
  • keinerlei geregelte Lohn- oder Sicherheitsstrukturen haben, sondern in Abhängigkeit gehalten werden.

Die Betroffenheit von Männern kann genauso weit über die freiwillige Sexarbeit hinausgehen, und Männer können auch Opfer struktureller Gewalt im Kontext der Prostitution sein.

Ein häufig unterschätzter Bereich ist die gesundheitliche Perspektive: Männliche Sexarbeiter, insbesondere solche, die mit anderen Männern arbeiten, sind laut Expert*innen in Bezug auf HIV und STIs besonders gefährdet. Datenlücken in Bezug auf die Anzahl männlicher Sexarbeiter erschweren eine verlässliche Einschätzung des Gesundheitsrisikos. Viele der Betroffenen sind nicht in klassischen Szene-Netzwerken verankert, haben möglicherweise Migrationshintergrund, eingeschränkte Sprachkenntnisse und kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung.

Diese Tatsachen unterstreichen, dass männliche Beteiligung an Prostitution nicht nur ein soziales, sondern auch ein gesundheitspolitisches Thema ist.

Männer in Prostitution sind weder Randerscheinungen noch Ausnahmen, sondern Teil einer komplexen sozialen Realität, die zwischen Selbstbestimmung, ökonomischem Druck, digitaler Transformation und struktureller Gewalt angesiedelt ist. Der Blick auf die männliche Sexarbeit zeigt deutlich: Es gibt nicht nur die eine Geschichte. Zwischen dem selbstbestimmten Callboy mit Doppelleben und dem Mann, der ein Opfer von Zwang, Abhängigkeit oder Menschenhandel ist, spannt sich ein breites Spektrum an Lebensrealitäten. Hinzu kommen gesundheitliche Risiken, die durch fehlende Datenerhebung, mangelnde Sichtbarkeit und unzureichend angepasste Präventionsangebote verstärkt werden. Die Unsichtbarkeit männlicher Betroffener ist dabei kein Zufall, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Rollenbilder. Männer gelten häufig als Nachfragende, nicht als Arbeitende oder gar als Opfer. Diese Wahrnehmung beeinflusst politische Debatten, Hilfsstrukturen und die öffentliche Aufmerksamkeit. Sie führt dazu, dass Schutzmaßnahmen, Beratung und Forschung oft primär auf Frauen ausgerichtet sind, während Männer in ähnlichen oder vergleichbaren Situationen weniger Unterstützung erfahren. Deshalb muss das Thema von Männern in der Prostitution sichtbar gemacht werden, um alle Betroffenen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel zu schützen. 

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