Hilfe holen – aber unauffällig.

Hilfe holen ist oft unmöglich. Auf die eigene Gefahrensituation oder häusliche Gewalt aufmerksam zu machen, bedeutet oft, dass der oder die Täter noch aggressiver werden. Hilfe holen – aber unauffällig, so, dass es der oder die Täter nicht merken. Wie soll das gehen? Eine Reihe von Codes bieten Auswege aus der prekären Situation. Sie funktionieren aber nur, wenn sie bekannt sind.

KAMPAGNE GEGEN GEWALT

Seit Ende November finden sich in Wiens Straßen Plakate, die Frauen in Situationen von Gewalt oder Belästigung zeigen. Der eindringliche Slogan unter den Bildern lautet: „Halt! Zu mir!“. Die Kampagne wurde im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ gestartet. Sie fordert auf Zivilcourage zu zeigen, hinzuschauen, zu helfen und zu handeln. Doch zu helfen bzw. auch Hilfe zu holen ist oftmals eine Gefahr in sich selbst. Um es Überlebenden von Gewalt und Übergriffen zu erleichtern, auf Ihre Situation aufmerksam zu machen und Hilfe zu holen, wurden verschiedene Codes ins Leben gerufen. Diese subtilen Hilferufe zu kennen ist elementar für beide Seiten – Personen, die in Gefahr sind und alle anderen, um im Ernstfall helfen zu können. 

LUISA, ANGELA UND DAS RETTUNGS-GETRÄNK.

Das Hilfsangebot „Luisa ist hier“ wurde vom Frauennotruf Münster initiiert. Inzwischen ist „Luisa“ in vielen weiteren Städten und sogar in der Schweiz angekommen. Das Projekt soll es Personen, die sich beim Fortgehen in unangenehmen oder gefährlichen Situationen finden, ermöglichen diskret Hilfe zu holen. Mit der Frage „Ist Luisa da?“ an das Personal der Nachtgastronomie, kann auf die Situation aufmerksam gemacht werden. Das Personal bittet bei diesem Code die Person, die nach Luisa gefragt hat, hinter die Theke, um dann weitere Schritte zu klären. Soll ein Taxi gerufen werden? Muss Sicherheitspersonal oder die Polizei verständigt werden? Luisa ist hier. Und hilft. Dem gleichen Prinzip folgt die „Ask Angela“ Kampagne in England. In den USA wurde aus der Frage nach Angela das Getränk „Angel Shot“. Wer das vermeintliche Getränk bestellt, bittet damit diskret um Hilfe. Dabei gibt es sogar verschiedene Varianten, um spezifische Hilfe zu bekommen. Wer den „Angel Shot“ pur bestellt, bittet um Begleitung zum eigenen Auto. Wird das Getränk auf Eis bestellt, wird um ein Taxi gebeten. Für besonders prekäre Situationen gibt es den „Angel Shot“ mit Limette. Bei dieser Bestellung wird die Polizei alarmiert.

DR. VIOLA HILFT

Wer in der Klinik Innsbruck an der Rezeption bekannt gibt, einen Termin bei „Dr. Viola“ zu haben, löst damit eine Kette von Aktionen aus, um in Sicherheit gebracht zu werden. Der Code ist eine Möglichkeit, diskret um Hilfe in akuter Gefahr zu bitten. Die subtile Art, um über Gewalt im unmittelbaren Umfeld zu informieren ist besonders wichtig für Menschen, die sich in häuslicher Gewalt befinden und in Begleitung des Täters im Krankenhaus sind. Der Code löst einen Schutzmechanismus aus. Das zuständige Personal sowie die Opferschutzgruppe werden informiert, die betroffene Person wird nicht alleine gelassen und gegebenenfalls unter einem Vorwand von der Begleitung getrennt, wenn diese eine Gefahr darstellt. 

EINE GESTE, DIE LEBEN RETTEN KANN

In Zeiten von wiederholten Lockdowns waren Personen, denen häusliche Gewalt angetan wird, besonders gefährdet. Nicht ausweichen können, den gesamten Tag in den eigenen vier Wänden verbringen zu müssen, war für viele Personen leider eine Situation in der permanent Gefahr drohte. In dieser Zeit kam eine Geste auf, mit der über Gewalt informiert und Hilfe erbeten werden kann. Die Geste wurde zu Beginn über die Social-Media-App „TikTok“ verbreitet. Inzwischen gibt es sogar Videos von Opferschutzstellen, in denen das Signal erklärt wird. Die Geste ist unauffällig. Der Daumen liegt in der offenen Handfläche, dann werden die Finger geschlossen. Die Hand kann so in Video-Konferenzen gezeigt werden, um laut- und spurenlos zu erklären, dass Gefahr droht. Der Vorteil gegenüber Text-Nachrichten oder Telefonaten ist, dass der Täter nicht mitbekommt, dass Hilfe geholt wurde. Auch in anderen Situationen kann die Geste Rettung bedeuten. In Amerika wurde ein Mädchen vor ihrem Entführer gerettet, da sie während der Autofahrt einem anderen Verkehrsteilnehmer das Handzeichen gab. Dieser informierte die Polizei und das Mädchen konnte befreit werden.

REICHWEITE IST DER SCHLÜSSEL

Die beschriebenen Mechanismen haben gemeinsam, dass Hilfe geholt werden kann, ohne dass der Täter dies mitbekommt. Das kann oft entscheidend sein, um weitere Gewalt zu verhindern. Bei Telefonaten ist es deswegen wichtig, das Gespräch richtig zu führen, wenn der Verdacht auf häusliche Gewalt besteht. Damit der Täter im Unwissen bleibt, sollten Fragen gestellt werden, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Wenn der Verdacht besteht, dass der Täter mithört, können auch die Codes wie „Luisa“ oder „Dr. Viola“ benutzt werden. So wäre beispielsweise eine geeignete Frage: „Möchtest du Luisa sehen?“ oder „Hast du einen Termin bei Dr. Viola?“. Damit diese Codes ebenso wie die Geste funktionieren, müssen sie eine größtmögliche Reichweite haben. Die Klinik Innsbruck ist derzeit in Österreich das einzige Spital, das ein derartiges Sicherheitsprogramm für Überlebende von häuslicher Gewalt anbietet. Dabei ist es billig und einfach umzusetzen. Um ein Sicherheitsnetz aufzubauen, ist es hilfreich, andere über die Codes und Geste zu informieren und diese gegebenenfalls selbst im eigenen Lokal zu etablieren. Informationsmaterial auf Damen-Toiletten ist dabei eine gute Art, um auf das bestehende Schutzprogramm aufmerksam zu machen. 

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