Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Noch bevor der Tag richtig beginnt, läuft vielerorts bereits die Kaffeemaschine. Zuhause am Frühstückstisch, im Büro zwischen zwei Meetings oder im kleinen Straßencafé im Urlaub – Kaffee ist für Millionen Menschen längst mehr als ein Wachmacher: Kaffee steht für Genuss, Routine und eine kleine Auszeit.
Doch bevor die Bohnen in unserer Tasse landen, haben sie eine lange Reise hinter sich. Auf den Plantagen in Ländern wie Kolumbien, Brasilien oder Äthiopien arbeiten Menschen oft unter widrigen Bedingungen: Lange Arbeitstage, niedrige Löhne und fehlende soziale Absicherung gehören vielerorts zum Alltag.
Besonders erschreckend: Selbst Kaffee, der mit bekannten Nachhaltigkeitssiegeln ausgezeichnet ist oder von weltweit bekannten Marken verkauft wird, steht immer wieder im Zusammenhang mit schweren Menschenrechtsverletzungen.

Die Schattenseite der Kaffeeproduktion
Kaffee zählt zu den wichtigsten Handelsgütern der Welt. Jeden Tag werden weltweit fast 2,6 Milliarden Tassen Kaffee getrunken. Allein in Österreich konsumiert jede erwachsene Person durchschnittlich rund 5,73 Kilogramm pro Jahr. Doch während das “schwarze Gold” für Konsumentinnen und Konsumenten immer stärker zum Lifestyle-Produkt geworden ist, sieht die Realität am Anfang der Lieferkette oft ganz anders aus.
Die Ernte von Kaffee ist harte körperliche Arbeit. Die Kaffeekirschen werden überwiegend von Hand gepflückt, häufig unter schwierigen Bedingungen. Besonders deutlich zeigen das aktuelle Recherchen aus Kolumbien.
Die brasilianische NGO Repórter Brasil untersuchte 2025 vier Kaffeeplantagen in den kolumbianischen Regionen Antioquia und Huila. Arbeiterinnen und Arbeiter berichteten von:
- fehlenden Arbeitsverträgen,
- keiner Kranken- oder Sozialversicherung,
- extrem langen Arbeitstagen von frühmorgens bis zum Sonnenuntergang,
- niedrigen Löhnen,
- gefährlichen Arbeitsbedingungen auf steilen Berghängen sowie
- mangelhaften Unterkünften ohne ausreichende Privatsphäre oder Hygiene.
Die Probleme reichen jedoch über Kolumbien hinaus. Letztes Jahr reichten mehrere Menschenrechts- und Umweltorganisationen in Deutschland Anzeigen gegen Nestlé, Dallmayr und den Starbucks-Betreiber AmRest ein. Die NGOs werfen Lieferketten der Unternehmen unter anderem Kinder- und Zwangsarbeit, sexuelle Belästigung, gefährliche Arbeitsbedingungen und extrem niedrige Löhne vor. So sollen Arbeiterinnen und Arbeiter auf einer Kaffeeplantage in Uganda von Löhnen von weniger als zwei Euro pro Tag berichtet haben.
Warum kommt es zu Ausbeutung?
Die Ausbeutung auf den Plantagen lässt sich nicht allein mit einzelnen Arbeitgebern erklären, die sich nicht an Gesetze halten. Dahinter steckt ein System, in dem Kaffee seit Jahrzehnten vor allem eines sein soll: günstig.
Kaffeebäuerinnen und -bauern stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck. Die Preise für Rohkaffee schwanken, während gleichzeitig Kosten für Arbeitskräfte, Transport, Dünger und andere Produktionsmittel steigen. Besonders Kleinproduzenten können diese Schwankungen kaum auffangen.
Hinzu kommt ein grundlegendes Ungleichgewicht innerhalb der Lieferkette: Die Kaffeebohnen werden in Ländern des globalen Südens angebaut, während ein großer Teil der Weiterverarbeitung und Vermarktung in wohlhabenderen Ländern stattfindet. Dadurch entsteht ein erheblicher Teil der Wertschöpfung erst nach dem Export.
Der SPIEGEL zeigte bereits 2017, wie groß dieser Unterschied sein kann: Während Brasilien als großer Produzent Rohkaffee vergleichsweise günstig exportiert, erzielen Länder wie Deutschland mit geröstetem Kaffee einen deutlich höheren Wert pro Kilogramm. Gleichzeitig ist Kaffee für Verbraucher längst zum Premiumprodukt geworden – von Kapseln über Spezialitätenkaffee bis hin zum teuren Cappuccino.
Das bedeutet: Das Problem besteht nicht unbedingt darin, dass mit Kaffee zu wenig Geld verdient wird. Entscheidend ist, wie dieses Geld entlang der Lieferkette verteilt wird.
Wenn der Preisdruck weitergegeben wird, trifft er häufig diejenigen, die am wenigsten Verhandlungsmacht besitzen: die Menschen, die den Kaffee anbauen und ernten.
Zusätzlich verschärft der Klimawandel die Situation. Hitze, Dürreperioden, Überschwemmungen, Schädlinge und Krankheiten bedrohen die Kaffeeproduktion. Dadurch steigen die Risiken und Kosten für Produzenten weiter.
Was wird gegen die Ausbeutung getan?
Fairtrade, Rainforest Alliance und andere Zertifizierungen sollen dafür sorgen, dass Kaffee unter besseren sozialen und ökologischen Bedingungen produziert wird. Doch ein Siegel allein kann nicht garantieren, dass entlang der gesamten Lieferkette keine Menschenrechtsverletzungen stattfinden.
Das zeigen auch die Recherchen aus Kolumbien: Einige der untersuchten Plantagen beziehungsweise Kooperativen standen mit Zertifizierungsprogrammen in Verbindung. Fairtrade und Rainforest Alliance kündigten daraufhin Überprüfungen an beziehungsweise verwiesen auf bereits festgestellte Mängel. Zertifizierungen können also einen wichtigen Beitrag zu besseren Produktionsbedingungen leisten; eine lückenlose Kontrolle der gesamten Lieferkette ersetzen sie jedoch nicht.
Neben freiwilligen Zertifizierungen sollen auch gesetzliche Regelungen Unternehmen stärker in die Verantwortung nehmen. Das deutsche Lieferkettengesetz verpflichtet große Unternehmen dazu, Menschenrechts- und Umweltstandards in ihren Lieferketten stärker zu berücksichtigen. Genau auf dieses Gesetz beriefen sich auch die Organisationen, die 2025 Beschwerden gegen Nestlé, Dallmayr und den Starbucks-Betreiber AmRest einreichten.
Gleichzeitig steht das Gesetz politisch unter Druck und soll durch europäische Regelungen ersetzt beziehungsweise abgeschwächt werden. Kritikerinnen und Kritiker befürchten, dass dadurch die Möglichkeiten zur Kontrolle und zum Schutz von Beschäftigten geschwächt werden könnten.
Was können Konsumentinnen und Konsumenten tun? Ein Blick auf Herkunft und Produktionsbedingungen kann helfen. Fairtrade oder andere glaubwürdige Zertifizierungen bieten dabei eine Orientierung. Gleichzeitig liegt die Verantwortung nicht allein bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern: Unternehmen müssen transparenter machen, woher ihr Kaffee kommt und unter welchen Bedingungen er produziert wird.
Denn eine faire Tasse Kaffee sollte nicht nur gut schmecken, sondern auch unter Bedingungen entstanden sein, welche die Menschenrechte respektieren.
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